2015-08-31

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Werther Seite 36




Es ist nicht kluge Absicht der Komposition, der verzahnenden Vorbereitung, daß uns in solchen Sätzen, ziemlich am Eingang des Werks, das ganze Thema angeschlagen scheint, die Katastrophe vorgeahnt scheint: die Komposition beruht hier nicht auf einem Verknüpfen von Ursachen und Folgen, von Eigenschaften des Helden mit Schicksalen die daraus folgen müssen, sondern in einer Ausbreitung und Entwicklung von Keimen die als untrennbare Einheit von vornherein in Werther angelegt sind, wie sie in Goethe angelegt waren. An der eben zitierten Stelle ist Goethe mit Werther identisch, nicht nur Werther Goethes Mundstück — nirgends wird deutlicher wie sehr der Untergang Werthers auf einer spezifischen singulären Anlage beruht, nämlich der Goethischen: den Moment als bildnerischer Mensch zu bannen und zugleich in das Grenzenlose des Alls sympathetisch einzutauchen. Erst durch diesen Konflikt wird der Werther eine kosmische Dichtung: sonst bliebe er ein bürgerlicher Roman von Zweien die sich nicht kriegen. Erst dadurch daß Werther unter der Herrlichkeit des Alls erliegt, daß er von seinem Allgefühl gesprengt zu werden bangt gewinnt seine Leidenschaft für Lotte die Schwere einerseits und die Spannkraft andrerseits die das Werk weit über die monographische Beschreibung eines bloß psychologischen Vorgangs erhebt, weit auch über ihr technisches Vorbild: Rousseaus Nouvelle Heloi'se. Solche Naturgefühlsausbrüche sind also nicht Schmuck und schöne Arabeske des Werks, auch nicht Mittel um den Feinsinn und das Gemüt des Helden zu charakterisieren — so werden sie gewöhnlich aufgefaßt — sondern sie sind recht eigentlich der Kern von Werthers Geschick, sie geben die Substanz seiner Seele und den Gehalt seiner Leidenschaft, die kosmische Liebe wieder, von der Lotte und die Liebe zu Lotte nur die Anwendung oder vielmehr die Begrenzung ist an der er zugrunde geht. Sich verlieren im All und das All im schönen Augenblick besitzen: daraus entsteht der Konflikt woran Werther zugrunde geht. Da ihm der Augenblick entrinnt, bleibt ihm nur der Untergang im All, der Tod. Nur für den der das All so erlebt wie Goethe kann die Geliebte so zum Verhängnis werden. Darum sind im Werther die Stellen wo er sein Weltgefühl ausspricht so wichtig wie seine Liebesklagen, ja sie sind der eigentliche Grund und Gehalt seiner Liebesklagen.

„Ein großes dämmerndes Ganze ruht vor unserer Seele, unsere Empfindung verschwimmt sich darinne, wie unser Auge, und wir sehnen uns, ach ! unser ganzes Wesen hinzugeben, uns mit all der Wonne eines einzigen großen herrlichen Gefühls ausfüllen zu lassen . . und ach, wenn das Dort nun Hier wird, ist alles vor wie nach, und wir stehen in unserer Armut, in unserer Eingeschränktheit, und unsere Seele lechzt nach entschlüpftem Labsale.“

Dies ist Faust, auf der Jagd nach dem schönen Augenblick,
So tauml ich von Begierde zu Genuß
Und im Genuß verschmacht ich nach Begierde.

Nun gar einen wörtlichen genauen Anklang an Faust, bezeichnend für das gemeinsame Weltgefühl, für die gemeinsame Quelle der beiden Tragödien: „Wie oft hab ich mich mit Fittichen eines Kranichs, der über mich hinflog, zu dem Ufer des ungemessenen Meeres gesehnt, aus dem schäumenden Becher des Unendlichen jene schwellende Lebenswonne zu trinken, und nur einen Augenblick in der eingeschränkten Kraft meines Busens einen Tropfen der Seligkeit des Wesens zu fühlen, das alles an sich und durch sich hervorbringt.“


Im Faust: 

Doch ist es jedem eingeboren,
Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,
Wenn über uns, im blauen Raum verloren,
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt;
Wenn über schroffe Fichtenhöhen 
Der Adler ausgebreitet schwebt,
Und über Flächen, über Seen,
Der Kranich nach der Heimat strebt.

Ich beschließe die Konkordanz zwischen Werther und dem Faust einerseits, als dem Verlierer des schönen Augenblicks, und Ganymed andrerseits, als dem Vergötterer des schönen Augenblicks mit zwei Zentralstellen aus Werthers Leiden welche die gemeinsame Spannung bezeugen:

„Was ist der Mensch, der gepriesene Halbgott? Ermangeln ihm nicht eben da die Kräfte, wo er sie am nötigsten braucht? Und wenn er in Freude sich aufschwingt oder im Leiden versinkt, wird er nicht in beiden eben da aufgehalten, eben da wieder zu dem stumpfen kalten Bewußtsein zurückgebracht, da er sich in der Fülle des Unendlichen zu verlieren sehnte.“ 

„Was man nicht weiß das eben brauchte man,
Und was man weiß kann man nicht brauchen“

Und . . 

„Der selbst die Ahnung jeder Lust 
Mit eigensinnigem Krittel mindert,
Die Schöpfung meiner regen Brust 
Mit tausend Lebensfratzen hindert.“

Und nun jener herrliche Hymnus, neben dem Ganymedes und der Anrufung des Erdgeists die großartigste Kundgebung von Goethes jugendlichem Naturkult, seiner mikrokosmisch»! makrokosmischen Verzückung: das Gefühl des ewig wirkenden Alls, das seine eignen Geburten vemichten muß, um seiner Ewigkeit willen, das Gefühl des vergänglichen Ich, das dieses All tragen muß.

„Das volle warme Gefühl meines Herzens an der lebendigen Natur, das mich mit so viel Wonne überströmte, wird mir jezt zu einem unerträglichen Peiniger, zu einem quälenden Geiste, der mich auf allen Wegen verfolgt. Wenn ich sonst vom Fels über den Fluß bis zu jenen Hügeln das fruchtbare Tal überschaute, und alles um mich her keimen und quellen sah, wenn ich jene Berge, vom Fuße bis auf zum Gipfel mit hohen, dichten Bäumen bekleidet, all jene Täler in ihren mannigfaltigen Krümmungen von den lieblichsten Wäldern beschattet sah, und der sanfte Fluß zwischen den lispelnden Rohren dahin gleitete, und die lieben Wolken abspiegelte, die der sanfte Abendwind am Himmel herüberwiegte, wenn ich denn die Vögel den Wald beleben hörte, und die Millionen Mückenschwärme in lezten roten Strahle der Sonne mutig tanzten, und ihr lezter zuckender Blick den summenden Käfer aus seinem Grase befreite und das Gewebere um mich her, mich auf den Boden aufmerksam machte und das Moos, das meinem harten Felsen seine Nahrung abzwingt, und das Geniste das den dürren Sandhügel hinunterwächst, mir alles das innere glühende heilige Leben der Natur eröfnete, wie umfaßt ich das all mit warmem Herzen, verlohr mich in der unendlichen Fülle, und die herrlichen Gestalten der unendlichen Welt bewegten sich alllebend in meiner Seele . Ungeheure Berge umgaben mich, Abgründe lagen vor mir und Wetterbäche stürzten herunter, die Flüsse strömten unter mir und Wald und Gebürg erklang. Und ich sah sie würken und schaffen in einander in den Tiefen der Erde, all die Kräfte unergründlich.“ Hier singt Goethe das Hohelied des Naturgefühls, der Sympathie mit der Aktivität und der Regung des belebten Alls — und diese Fähigkeit das All als einen Komplex belebter Kräfte bis in die kleinsten Erscheinungen und Verflechtungen, bis in die Tätigkeit der Mücken und des Mooses hinein nachzuleben, diese universell gesteigerte Empfänglichkeit und Empfindlichkeit ist die eigentliche Grundeigenschaft Werthers, nicht nur ein begleitender Charakterzug: daß es ein entscheidender Charakterzug auch Goethes ist zeigt eben die Konkordanz der Zitate.

Werther schließt sich der Reihe der titanischen Goethesymbole, welche zugleich Vereinigung heidnischen Welterlebens mit modernem Ichgefühl sind, an als der Titan der Empfindung — wie Prometheus der Titan des Schaffens, Cäsar der Tat, Faust des Strebens ist (so paradox es klingen mag Werther als einen Titanen zu bezeichnen) wenn wir unter einem Titanen ein Wesen verstehen das die dem Menschen gezogenen Grenzen nach irgendeiner Seite, durch irgend welche Kräfte und Mittel zu überschreiten und zu zersprengen sucht: durch Trotz gegen gegebne Mächte wie Prometheus, oder durch Überspannung gegebner Eigenschaften, wie Werther durch sein Empfinden welches ins All eintauchen will, obwohl er ins menschlich Begrenzte, Leibliche gebannt ist.

Der besondere Gegenstand des Werther, innerhalb der titanischen Dichtung Goethes überhaupt, ist der tragische unfreiwillige Verzicht des Titanen der Empfindung auf den schönen Augenblick. Vom Problem desTitanismus aus betrachtet, vom Charakter des Helden aus, unterscheidet sich Werther vom Mahomet, Prometheus, Götz, Cäsar, selbst vom Faust, durch seine Passivität: es ist eine Tragödie der Empfänglichkeit, nicht der Tätigkeit. Er nähert sich damit dem Faust, der wie überall auch hier die Mitte einnimmt oder vielmehr die Synthese bildet zwischen zwei Extremen der Goethischen Natur, einem unbändigen Schaffenstrieb und einem entsprechenden Aufnahmetrieb. Faust ist dem Prometheus an aktiver und demWerther an passiver Expansion verwandt. Vom Problem des Erotismus, oder vom Schicksal des Helden aus gesehen, vom Verhältnis zum schönen Augenblick, unterscheidet den Werther sein Untergang im Verzicht vom Faust, der durch Schuld den schönen Augenblick vernichtet. Das hängt übrigens mit seiner Passivität zusammen. So ist Werther unter den Sturm- und Drangtragödien Goethes auch die einzige worin der Verzicht auf den schönen Augenblick selbst das endgültige, das gesamte Schicksal des Helden ausmacht, die einzige worin der Konflikt zwischen Titanismus und Erotismus, zwischen Allheit und Augenblick zugunsten des Erotismus entschieden wird, worin der Wille zum Augenblick den Sieg davon trägt über das grenzenlose Streben. Für Mahomet und Prometheus, für Götz und Cäsar existiert der Streit zwischen Titanismus und Erotismus überhaupt nicht — sie sind nur Titanen, nicht Liebende, und im Ganymed, in Goethes Liebesliedern existiert der Konflikt ebenfalls nicht, hier spricht nur der Liebende, der Genießer oder Vergötterer des schönen Augenblicks. Im Faust besteht der Konflikt, und wird zuungunsten des menschgewordnen Augenblicks entschieden, Faust opfert seine Liebe seinem Titanentum. Werther opfert sein Titanentum seiner Liebe, und zwar unfreiwillig, durch seine Selbstzerstörung.

Der Sieg des Augenblicks über den Grundtrieb und das Grundschicksal Goethes, immer weiter zu drängen und zu streben, konnte naturgemäß nur eine einmalige Krise sein und mußte sich als einmalige Objektivierung aus Goethes Existenz loslösen — im Gegensatz zum Faust. Wie der Werther dem Gehalt nach am meisten von allen Goethischen Werken nicht nur einen Zustand oder eine Stimmung oder eine Eigenschaft oder eine Schicksalsform Goethes darstellt, sondern eben geradezu eine Krise, d. h. in ein» maliges Erlebnis zuhaufgedrängten, durch ein einmaliges Schicksal zu entscheidenden Konflikt, eine Explosion, hervorgebracht durch das Zusammenstoßen widerstreitender Triebe, so ist er auch der Grundtypus der Goethischen Beichte geworden, vorbildlich für Goethes Art durch die Aussprache eines pathologischen Erlebnisses sich von dem pathologischen Zustand zu befrein.

Inhaltsverzeichnis                                                                                                                         weiter



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de