2015-08-31

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen....15.08.1774 Wieland an Friedrich Jacobi (91)



15. August

Belvedere bei Weimar. Wieland an Friedrich Jacobi

Goethens „Clavigo“ habe ich nun gesehen. Wenn ich nicht selbst Autor wäre, so wollte ich den Kunstrichter von Profession spielen, und als solcher wollt ich einem ehrsamen Publico leicht beweisen, daß noch viel fehlt, daß Goethe der Wundermann sei, für den man ihn hält; und dazu sollte mir gerade dieser „Clavigo“ Stoff genug geben. Man muß dergleichen blendende Dinge nur drei- bis viermal lesen, so fallen einem die Schuppen ziemlich von den Augen. 

Indessen fühle ich so gut als einer, daß schöne Stellen darin sind und daß die Wärme und Wahrheit des Dialogs viele Sünden zudeckt. 

Nur die Verwandlung des Herrn Beaumarchais in einen Kannibalen finde ich sehr unglücklich. Das Gemälde seiner Wut, seines Rachdurstes im vierten Akt ist Shakespeares würdig, wenn die Rede von der Wut eines Irokesen wäre. Und was dünkt Ihnen zu der Französin Marie, die vor Liebe und Liebesschmerz ihr zartes Seelchen aushaucht? 

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