31.08.2015

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen....27.08.1774 Friedrich Jacobi an Wieland (93)



27. August

Düsseldorf. Friedrich Jacobi an Wieland

Je mehr ich’s überdenke, je lebhafter empfinde ich die Unmöglichkeit, dem, der Goethe nicht gesehen noch gehört hat, etwas Begreifliches über dieses außerordentliche Geschöpf Gottes zu schreiben.

Goethe ist, nach Heinses Ausdruck, Genie vom Scheitel bis zur Fußsohle. Ein Besessener, füge ich hinzu, dem fast in keinem Falle gestattet ist, willkürlich zu handeln. Man braucht nur eine Stunde bei ihm zu sein, um es im höchsten Grade lächerlich zu finden, von ihm zu begehren, daß er anders denken und handeln soll, als er wirklich denkt und handelt. 

Hiemit will ich nicht andeuten, daß keine Veränderung zum Schöneren und Besseren in ihm möglich sei. Aber nicht anders ist sie in ihm möglich als so, wie die Blume sich entfaltet, wie die Saat reift, wie der Baum in die Höhe wächst und sich krönt ...

Was Goethe und ich einander sein sollten, sein mußten, war, sobald wir vom Himmel runter nebeneinander hin gefallen waren, im Nu entschieden. Jeder glaubte von dem andern mehr zu empfangen, als er ihm geben könne. Mangel und Reichtum auf beiden Seiten umarmten sich einander; so ward Liebe unter uns.

Es folgte eine sehr warme und ganz uneingeschränkte Lobrede auf "Clavigo".

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