2015-10-29

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Die Revolution Seite 106



DIE REVOLUTION

So war Goethe durch seine veränderte Stellung gegen die Welt im Allgemeinen zum Theoretisieren überhaupt, durch eine besondre Pflicht zum praktisch pädagogischen Theoretisieren gebracht. Eine weitere Auseinandersetzung Goethes mit öffentlicher Meinung ward nötig durch die französische Revolution. Warum zwang ihn dies Ereignis aus seiner politischen Indifferenz herauszugehen, und wenn auch nicht gerade Partei zu ergreifen, geschweige sich zu einer der Parteien zu schlagen, so doch überhaupt politische Vorgänge in den Kreis seiner Betrachtung, ja sogar seines Schaffens zu ziehen? Die französische Revolution war das erste politische Ereignis in Goethes Leben welches sofort Einwirkungen auf den gesamten Kultur-und Gesellschaftszustand zeigte, die erste weltgeschichtlich fühlbare Begebenheit welche die geistig sittliche Luft veränderte in der Goethe zu atmen hatte und den Boden erschütterte worauf er wandelte, baute und säte: kurz, das erste weltgeschichtliche Ereignis das ihn und seinen Wirkungskreis nah anging. Selbst der Siebenjährige Krieg war im Vergleich dazu ein rein politisch diplomatischer, Kultur und Bildung nur oberflächlich berührender Vorgang, und der Zustand zwischen dem Siebenjährigen Krieg und der französischen Revolution war, trotz einigen Wetterleuchtens und der beunruhigenden Vieltätigkeit Josefs II., eine Epoche politischen Stillstands, wenigstens für Europa.

Goethe hatte sich gewöhnt Staat und Gesellschaft des ausgehenden Rokoko als selbstverständliche und unerschütterliche Gegebenheiten für seine Lebensdauer hinzunehmen, und auch diesen Erscheinungskreis mit seinen typischen und individuellen Eigenschaften und Wirkungen in sein Gesamtweitbild einzuordnen. Der Wilhelm Meister ist unter andrem auch das Denkmal dieser Zustände, wenigstens wie sie sich am deutschen Wesen beszeugten, und die Lehrjahre hätten gar nicht konzipiert werden können, wenn diese Zustände nicht von Goethe als gesetzliche, dauernde empfunden worden wären. Denn Goethe wollte in den Lehrjahren keinen historischen Roman über eine bestimmte Bildungsepoche geben, vielmehr die Entwicklung eines besonderen Menschentums unter typischen gesellschaftlichen Umständen durch die typische Gesellschaft selbstdarstellen, mittels eines Bildungsromans. Es ist vielleicht dem Untergang dieser Gesellschaft oder wenigstens ihrer Verwandlung mit zuzuschreiben, wenn die späteren Bücher der Lehrjahre, und vollends die Wanderjahre gegenüber den ersten, die noch aus dem Urmeister mitherübergenommen, also vor der französischen Revolution empfangen sind, an unmittelbarer atmosphärischer Frische eingebüßt, an allegorisierender Allgemeinheit zugenommen haben: jene ersten Bücher sind aus der Gegenwart und mit der Luft dieser Gesellschaft genährt, diese Gesellschaft hatte damals noch eine vollere menschliche Geltung .. die späteren Bücher und die Wanderjahre sind geschrieben, während sie in der Auflösung begriffen war und einer neuen Ordnung der Dinge Platz machte auf die übrigens die Wanderjahre schon den Ausblick eröffnen. Man merkt es den beiden Werken an, daß das eine aus der Gegenwart für die Gegenwart, das andre aus der Vergangenheit für die Zukunft gedacht ist. Die Revolution, für Goethe schon bedrohlich angekündigt durch die Halsbandaffäre, bei welcher das Königtum als solches bis zur Entwertung kompromittiert erschien, hatte die ganze gesellschaftliche Schichtung und Stufung über den Haufen geworfen welche Goethe als eine wenn nicht naturgesetzliche so doch kultursnotwendige Gegebenheit hinnahm. Waren auch in Deutschland die praktischen Eingriffe der Erschütterung nicht sofort fühlbar, so waren doch völlig neue Gesinnungen und Forderungen in der Welt, eine neue Luft, ein andres Tempo. Vor allem aber: bisher selbstverständliche, wenn nicht als Notwendigkeit so doch als Wirklichkeit ans erkannte Zustände waren für Goethe problematisch geworden, und er mußte sich, als Mensch wie als Denker, darüber entscheiden wie er sie neu ordnen und nutzen solle, ob durch Ja, ob durch Nein oder durch Auswahl.

Nicht als ob Goethe im landläufigen Sinne konservativ, d. h. in einer überlieferten Staats-oder Kulturgesinnung befangen gewesen wäre, sie absolut genommen und in der Gesellschaft wie er sie vorfand ein schlechthin Gültiges, Ewiges, Unwandelbares verehrt hätte — man hat wohl sein Widerstreben gegen die Revolution so aufgefaßt. Nein, da jeder Staats- und Gesellschaftszustand auf festgelegtem Leben beruht, jede schöpferische Tätigkeit auf neuem und verwandelndem Leben, so kann kein Genie Parteimann oder sogar Patriot im Sinne des Beamten oder Bürgers sein: auch Goethe war das nicht, und wenn er später die Gesellschaft anerkannte, so tat er es aus freiem Willen, nicht aus befangnem Geist — weil sie seine Autonomie nicht angriff, nicht weil er ihr gegenüber keine Autonomie besessen hätte. In seinen Jugendjahren hatte er den Kampf gegen die Gesellschaft, der keinem schöpferischen Menschen erspart bleibt, allerdings auch geführt, aber in seiner Weise, als freies Individuum gegen die beschränkten Vorurteile und Konventionen der Gesellschaft, als Genie gegen Publikumsniveau, nicht als Vertreter eines Standes oder einer Partei gegen die von einer andren Partei oder einer Regierung herrührenden Einrichtungen. Goethe hat nie für Prinzipien gefochten deren Ursprung oder Verkörperung nicht er selbst war. Nun aber erhob sich mit der Revolution auf einmal allerorts die Frage nach der Stellung des Einzelnen, wer er auch sei, zu den großen abstrakten Prinzipien Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, man sollte sich entscheiden für Demokratie oder Aristokratie. Goethe sah sofort daß diese neuen Fragen sich nur um Parteien, nicht um Gestalten, nur um Staat-nicht um Menschentum drehten, daß aber bei der allgemeinen Erregung über diese für ihn nebensächlichen Fragen die für ihn wichtigste menschenwürdigste Angelegenheit zu verwahrlosen drohte »Kultur oder Barbarei« — das heißt rund und frei ausgebildetes Menschentum oder wüstes, stumpfes und enges Getreibe.

Damit war seine Stellung gegen die Revolution gegeben: er hatte inmitten des allgemeinen politischen Taumels, des Streits um abstrakte Ideale, um Parteiprinzipien und um Interessenkomplexe die gefährdete Wirklichkeit des schönen und harmonischen Menschentums zu schützen, und seine nach? drucksvolle Stimme zu erheben zugunsten der persönlichen Bildung gegen? über dem schrankenlosen Staats-und Parteitreiben.

Franztum drängt in diesen verworrenen Tagen, wie ehmals
Luthertum es getan, ruhige Bildung zurück.

Unter diesem Gesichtspunkt widerstand ihm die Revolution und widerstand er ihr: nicht daß er von vornherein eines ihrer Prinzipien besonders befehdet hätte aus parteipolitischen Gründen, etwa als Konservativer ihre Demokratie. So wenig ihm solche abstrakte Schwärmereien wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit an sich angenehm sein konnten, sie hätten ihn weiter nicht aufgebracht. Von moralischer Entrüstung über die etwaige Ungerechtigkeit des Königsmords oder über die närrisch blutigen Greuel der Jakobiner war bei ihm auch keine Rede: die Gerechtigkeit, und sogar in manchem Betracht die Notwendigkeit der politischen Umwälzung, mochte es dabei auch etwas blutig zugehen, hat er nicht bekämpft, viel weniger als zum Beispiel Klopstock und andre die dem Prinzip der RevoIution zujubelten und dann entrüstet waren, sobald man mit diesem Prinzip Emst machte und in Wirklichkeit umsetzte was so schön als Ideal aus den Wolken leuchtete. Weder abstrakte Freiheit noch abstrakte Menschlichkeit regte Goethe auf. Legitimist war er auch keineswegs wie die prinzipiellen Gegner der Revolution: er hielt dafür daß für Revolutionen die Regierungen, die Könige, nicht die Völker verantwortlich seien: er weinte verjagten und geköpften Königen keine Tränen nach:

Warum denn wie mit einem Besen 
Wird so ein König hinausgekehrt?
Wärens Könige gewesen,
Sie stünden alle noch unversehrt.

Goethe war kein prinzipieller Gegner der Revolution: er war ihr Gegner, sofern sie seine Bildungskreise störte. Nicht dies oder jenes Prinzip der Revolution war ihm zuwider, sondern daß vor lauter Revolutions- und Gegenrevolutionsprinzipien der Mensch, Goethes wahrste und tiefste Wirklichkeit, kaum mehr zu Wort und Gestalt kam. Eine solche äußerste Gefahr der menschlichen Bildung hatte für ihn erst die Revolution geschaffen. Die Formen und Folgen der Revolution widerstanden ihm mehr als ihre Inhalte, die ihm gleichgültig waren. Als Persönlichkeit gegen die Masse, als Mensch gegen Prinzipien, als Ordnersinn gegen Anarchie, nicht als Aristokrat gegen Demokratie, nicht als Legitimist, wandte Goethe sich gegen die Revolution, ähnlich wie Erasmus gegen das für ihn rückständige tumultuose Mönchsgezänk der Reformation. Und auch dies tat Goethe nur se defendendo: Für oder Wider die Revolution war auch in Deutschland zu einer Losung geworden der sich kaum jemand entziehen durfte .. selbst der läßliche Wieland ward ihr gegenüber zum Politiker und wenn nicht zum Propheten so doch zum Weissager.

Goethe schloß sich an keine der vorhandenen Parteien an, sondern stellte sich über sie, verarbeitete in der Stille die Eindrücke des Ereignisses und sprach sie möglichst in der Distanz der Dichtung, nicht als Manifest oder Programm sondern durch Spiegelung und im Gleichnis aus. Seine erste Sorge war sich nicht überwältigen zu lassen, mitten im Getümmel der Meinungen und Worte wollte er sehen was die menschlichen und sachlichen Realitäten des Ereignisses seien. Seine zweite Sorge war dann freilich die Andren, deren er als Umkreis und Publikum bedurfte, nicht überwältigen zu lassen und soweit es in seinen Kräften stand ihnen von seiner Sicherheit gegenüber derWeltbewegung mitzuteilen. Indem er seinen Standpunkt abgrenzte, handelte er nicht nur für sich, sondern für alle die nicht durch das Parteiwesen um ihre geistige Freiheit kommen wollten. Seine Haltung der Revolution gegenüber ist wichtiger als seine Meinung: er bewahrt sich, wider die rückhaltlosen Verteidiger des Bestehenden und die rückhaltlosen Verherrlicher des neuen Menschheitmorgens, inmitten der Parteien als der Hüter der Bildung und des persönlich freien Menschentums.

Goethes Auseinandersetzung mit der Revolution vollzog sich in drei Stadien oder in drei Distanzen. Das erste ist Kritik ihrer komischen oder lästigen Symptome, der Fern-und Nebenwirkungen auf deutschem Boden, scherzhaft abwehrend als Verspottung der kleinlichen Zerrbilder revolutionären Geistes, in den Komödien Der Bürgergeneral und Die Aufgeregten.. ernsthaft als Erörterung der seelischen Grundlagen und der sittlichen Folgen des revolutionären Geistes, in den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter und in einzelnen Epigrammen. Das zweite Stadium ist die dichterische Darstellung des Eindrucks der Revolution als einer Menschheits- und Deutschheitserschütterung in Hermann und Dorothea. Auch hier freilich ist Warnung und Mahnung an die Deutschen mit der Darstellung verknüpft, in die Darstellung hineingelegt:

Nicht dem Deutschen geziemt es, die fürchterliche Bewegung 
Fortzuleiten und auch zu wanken hierhin und dorthin.

Gerade dies betonte Goethe, daß französische und deutsche Bedingungen nicht dieselben seien, und daß Übertragung der Symptome auf andren Körper ein Aberwitz sei: er hatte zu sehr den Sinn für das einmalig gewordene Eigengewächs, um deutschen Körper mit französischen Arzneien heilen zu wollen. Darum betonte seine Abwehr gerade gern das Komische der deutschen Französelei und seine Darstellung gern das Gefährliche einer fremden großen Einwirkung. Das dritte Stadium ist der Versuch den Gehalt und Grund der Revolution in ein großes typisierendes Sinnbild zusammenzuschauen, das Ganze der Revolution als eines geschichtlichen Urphänomens zu vergegenwärtigen, und sich dadurch von ihrem Druck zu befreien: in der Natürlichen Tochter. Hier typisiert er diejenigen Elemente der allgemeinen Menschennatur aus denen solch ein Ereignis hervorgehen kann: die verschiedenen Interessenschichten und ihre Begehrlichkeiten, Schwächen. Stärken.

Dabei ist er freilich so schematisch verfahren, hat so gründlich alles zufällig Historische filtriert aus Charakteren und Schicksalen, daß vom Wesen der französischen Revolution, welche doch Inhalt und Anstoß zu dem Werk gab, nicht mehr viel übriggeblieben ist. Ein französisches Memoirenwerk von 1798 bot die stofflichen Motive und ist auch daran schuld daß die ungeheuerste Massenerschütterung der Geschichte hier nur erscheint, insofern ein adliges Einzelschicksal davon betroffen wird. Doch worauf es Goethe in diesem Stadium seines Verhältnisses zur Revolution ankam, das war gerade nicht mehr ihr besonderer geschichtlicher, nur ihr allgemein menschlicher Gehalt, und den konnte er (der schon im Egmont Geschichte nur zeigte, insofern sie Einzelgeschicke schafft) jetzt erst recht nur zeigen an der Wirkung des Ereignisses auf den Menschen, nicht auf die Menschheit und die Völker, an seiner Begründung aus der Menschennatur, nicht aus der Geschichte, also, nach seiner Denkart, aus der Notwendigkeit, nicht aus den Zufällen.



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