2015-10-30

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Schiller Seite 108



SCHILLER

Wir haben die Erfahrungen betrachtet welche Goethe nach der italienischen Reise zwangen oder veranlaßten, über das naive Schaffen und die bewußte Selbstgestaltung hinaus, zu theoretisieren, zu kritisieren, und sich auseinanderzusetzen mit Aktualitäten: die Wissenschaft, das Theater und die Politik mußten ihn wohl oder übel aus der bloßen Produktion und Kontemplation heraus locken und in seine Arbeitsweise einen pädagogischen, aktiven, kritischen Zug bringen der ihm früher fremd war (die Opposition des Sturm-und-drang-jünglings gegen die Gesellschaft, die Rezensionen in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen und die Blätter von deutscher Art und Kunst, sind mehr Ausbrüche eines eben freigewordenen, ins Offne dringenden Temperaments als pädagogische und kritische Wege zu einem bestimmten Ziel, sie dienen der Freiheit Goethes ohne Rücksicht auf Ausbildung oder Belehrung eines Publikums). Jene neuen Anlässe zu kritischem, kritisierendem, ja propagatorischem Schaffen wurden verstärkt, vereinigt und vertieft durch den Bund mit Schiller.

Durch zweierlei ist Schiller für Goethe eine Erleichterung und eine Erneuerung seines bis zur Verdrossenheit vereinsamten Lebens geworden, der Wiedererwecker seiner dichterischen Arbeitslust und der einzige ebenbürtige Geistesgenosse und Mitregent den er je gefunden: durch seine überlegene, zugleich tiefe und geschulte dichterische Intelligenz, und durch seine unermüdliche Aktivität, zwei Eigenschaften die wir in dieser Vereinigung bei den andren großen Zeitgenossen vergeblich suchen, zum wenigsten bei den dichterischen Menschen der Epoche. Dies gerade hat Goethe bedurft: einen Mann der Dichter genug war, um ihn als einen Dichter, also von seinem eigentlichen Wesen aus, nachfühlen zu können, der geistig umfassend und tief genug gebildet war um nicht nur mitzufühlen, sondern mitzudenken und mitzubegreifen, und der energisch und feurig genug war um ihn in steter Bewegung und Wachsamkeit zu erhalten, wenn er vor Einsamkeit sich zu verkapseln, zu erstarren drohte.

Gerade in dem kritischen Zeitpunkt als ihm die Unmöglichkeit klar ward mit seinem in Italien errungnen Bildungszustand und -ideal zu wirken und ein neues Leben um sich zu verbreiten, das ihn selber wieder speise und befruchte, knüpfte sich Goethes Bekanntschaft mit Schiller: dieser eine Mann brachte den Ernst des dichterischen Willens, ein Niveau das Goethe betreten konnte, ohne sich etwas zu vergeben, einen Charakter dem er sich anvertrauen konnte, ein Verständnis für Goethes Wollen und Wesen nicht aus schwärmender Begeisterung sondern kritischer Einsicht, nicht aus Gleichartigkeit sondern aus dem Gegensatz, ferner einen Glauben an Volk, Publikum, Menschheit und Zukunft wie Goethe ihn sich wünschte, ohne ihn haben zu können, der aber ansteckend und belebend wirkte. Der Glücksfall war daß Schiller nicht aus der gleichen Richtung kam wie Goethe sondern aus der entgegengesetzten: er war eine Ergänzung, nicht eine Steigerung oder Unterstreichung Goethischen Daseins, und darum für Goethe zugleich Prüfstein und Schärfstein. Daß ein Gegner ihn so begriff wie Schiller in dem großen Brief worin er die Summe der Goethischen Existenz zieht, das mußte für Goethe wertvoller sein als die enthusiastische Zustimmung der Jünger und Verehrer die er gefunden, vollends als die dumpfe und stumpfe Anerkennung die dem berühmten Autor oder dem unverstandenen Eindruck seiner mächtigen Persönlichkeit galt — derlei brachte ihn ja in seiner Bildung, Tätigkeit und Erkenntnis nicht weiter. Er war zu alt um sich am Spielzeug des Ruhmes noch zu ergötzen, zu sehr in beständigem Vorschreiten begriffen, um ohne vernünftige Teilnahme nicht ins Bodenlose, in eine unfruchtbare Einsamkeit hineinzugeraten. Er war zu anspruchsvoll geworden um sich mit dem zufälligen Zuspruch und Beifall gutmütiger Freunde wie Knebel und Wieland, mit der wohlmeinenden oder verbitterten Kritik zurückgebliebener Lehrer wie Herder zu begnügen, er war noch nicht selbstgenugsam und erhaben genug um ohne jedes belebende Mit-und Widerreden auszukommen. Die alten Freunde standen auf einem andren Boden, auf den er nicht mehr zurückkonnte, und auf der Höhe der er sich entgegenmühte, konnte er niemanden erwarten: eine ihm nacherzogene Jugend war noch nicht in Sicht, wenn auch im Werden. Nur in engen Bezirken einzelner Beschäftigungen konnte er Verständnis erwarten, mehr für seine Gedanken als für den Grund aus dem sie kamen, mehr Gesellen als Jünger, mehr Helfer als Begreifer. Solche neben ihm subalterne aber vertrauenswürdige Leute nahm er noch am ehesten dankbar, aber resigniert, in seine Freundschaft auf: Heinrich Meyer, und später Zelter. Er schätzte und liebte, ja überschätzte sie sogar, aber der seelischen Einsamkeit enthoben sie ihn nicht. Mehr als je galt jetzt die Klage:

Ich muß mein Glück nur mit mir selbst genießen,
Dein holdes Licht verdecken und verschließen.

Der Herzog, unter seiner näheren Umgebung, außer Herder, wohl die einzige durch Genialität ihm verwandte Natur, war doch zu wenig spezifisch Dichter und überhaupt Seelenmensch, auch zu sehr im eignen Pflichtkreis gebannt, um nach den Blütejahren einer feurigen Jugendfreundschaft ihm mehr sein zu können als ein gütiger und vertrauender Gönner. Herder selbst, das erste Genie dem er in seinem Leben begegnet, das einzige das bisher auf das Ganze seiner Entwicklung unvergeßliche und dankbar anerkannte Wirkung geübt, war stehen geblieben auf Gemüts- und Seelenstufen die Goethe längst überschritten hatte, er fühlte daß er stehen geblieben und schon überholt war, ohne es doch sich in seinem ehrgeizigen und ruhelosen Herzen mit gelassener Heiterkeit eingestehen zu wollen, und so begleitete er Goethes stetiges Weiterschreiten mit einer aus Staunen und Bitterkeit, aus alter Liebe und Neid gemischten Kritik, die diesem nichts helfen konnte, da sie rein persönlicher, nie sachlicher Natur war, und die ihn doch verletzen mußte, weil sie von einem alten Freunde kam den er ungern auf dem Neidpfad betraf.

Da kam Schiller zu ihm: auch er ursprünglich nicht frei von Neid, aber mit dem Neid des Emporstrebenden, nicht des Überholten, und bereit zur Anerkennung beneidenswürdiger Vorzüge vor denen es kein Rettungsmittel gab als die Liebe, mit dem Neid des Verstehenden, nicht des Zurückgebliebenen, vom Verständnis Ausgeschlossenen — er selbst meinte, mit dem Gefühl des Brutus gegen den Cäsar — worin eine tiefere Anerkennung der Größe liegt als in der Leichenrede des Antonius. Auch Goethe kam anfangs dem Jüngeren mit einem heilsamen Mißtrauen entgegen: in den revolutionären, mit Freiheitspathos gefüllten Dramen sah er ja gerade die Wiederkehr einer Zeit die er in sich überwunden hatte, und die ihm bei der Rückkehr aus Italien als böses Omen doppelt widerwärtig war: die Räuber und Heinses Ardinghello — von der lebhaften Jugend und selbst vom Publikum begeistert begrüßt als die berechtigte Nachfolge und Weiterführung von Goethes jugendlicher Emanzipationspoesie — schienen ihm trotz oder gerade wegen des großen Talents ihrer Verfasser fratzenhafte Gespenster seiner eignen Jugendkrankheiten. Was er in sich mühsam losgeworden das sollte ihn nun von außen aufs neue ängstigen.

Doch Schiller selbst war ein anderer geworden als das Bild das seine bisherigen Werke von ihm in die Welt gesetzt hatten.. gerade so kräftig, aber nicht so maßlos, gerade so feurig, aber nicht so flackernd, gerade so ernst, aber nicht so heftig. Er war klar, sicher und lauter. Er hatte sich Goethe schon empfohlen, wenn auch nicht gerade eingeschmeichelt, durch seine männliche und gründliche Kritik des Egmont die, von einem durchdachten philosophischen Prinzip aus verfaßt, gleich weit entfernt war von der Anhimmelung oder Anbiederung wie von dem bornierten Widerspruch der durchschnittlichen, noch immer platt rationalistischen oder poetisch empfindsamen oder genialisch begeisterten oder geschmäcklerisch klugen Literaten, wie sie aus den von Lessing, Klopstock, Herder oder Wieland gezogenen Furchen emporschossen. Hier war, das erkannte Goethe gleich, ein durchaus eigener Geist — selbständig an Kant als Denker gebildet — der mindestens wenn nicht ein ebenbürtiger Gefährte so doch ein ebenbürtiger Gegner, der erste würdige Kritiker werden konnte. Das Gespräch mit Schiller über die Metamorphose der Pflanzen bestärkte diesen Eindruck: wenn die» ser Mann ein Gegner war, so war er es wenigstens aus vollem Verständnis und auf gleichem Niveau, als eine anders gerichtete, nicht als eine engere, dumpfere Natur, nicht aus privaten Gründen, nicht aus Unzulänglichkeit. Hier war ein Mann dem daran lag ihn sachlich und wesenhaft zu begreifen, und selbst die Gegnerschaft eines solchen Begreifers mußte Goethe jetzt wertvoller sein als die blinde Liebe und hilflos subjektive Begeisterung etwa des Pempelforter Freundeskreises, die er gerade bei der Rückkehr aus Frankreich erfahren hatte. Die Jacobis liebten seinen Charakter und erschraken vor seinen Eigenschaften, sie schwärmten für sein Genie und mißdeuteten oder mißbilligten seine Werke, sie waren entzückt von seinem Temperament, aber verstimmt über dessen Ausbrüche, sie priesen seinen Geist und wußten nichts mit seinen Gedanken, zumal mit seiner Naturforschung anzufangen, sie ehrten seine Gesinnung, verstanden aber weder seine Bildung noch seinen Glauben, sie standen unter dem Zauber seiner Gestalt, ohne von seinem Gehalt berührt zu sein: sie huldigten seiner Wirkung, und begriffen nicht sein Wesen.

Gegenüber dieser Art Anhänger, man kann sagen weiblicher Art, mit ihrer sinnlich übersinnlichen Schwärmerei, einer Anhängerschaft, wie sie Goethen, bald rückhaltlos schwelgend bald empfindsam weinerlich, seit seinen Goetz- und Wertherjahren begleitet (Klinger, Wagner, Lenz war der erste, Jacobis und Lavater der zweite Kreis) gegenüber diesem allzu nachgiebigen und allzu schwankenden Material war Schiller vor allem, ob Gegner oder Genosse, ein Mann — der »felsigte Schiller« nennt ihn Jean Paul — gegen sich streng und unerbittlich, und daher auch andre nicht an Zufallsempfindungen und subjektiven Neigungen, sondern an einem hochgespannten Ideal messend das sittlichen, nicht nützlichen Ursprung hatte, den Willen, nicht bloß den läßlichen Geschmack in Anspruch nahm, und den ganzen Menschen, nicht nur sein Talent oder sein Gemüt forderte. Mit solchem Maß gemessen und von solchem Kritiker gerichtet und anerkannt zu werden, das konnte Goethe sich gefallen lassen, mochte ihm auch, bei seiner ruhig bildenden und reifenden Natur, vor der rigorosen Unbedingtheit ein wenig grauen womit hier der Wille und der Geist sich der Natur gegenüberstellte. Aber dieser Wille war lauter, dieser Geist war echt, scharf und tief, und die »große Mutter Natur« konnte sich jederzeit selbst schützen gegen die etwaigen Übergriffe des Menschen.

Goethen imponierte an Schiller vor allem, gerade im Vergleich zu seiner eignen Empfindlichkeit und Empfänglichkeit für äußere Einwirkungen, die eherne „felsige“ Selbständigkeit und mannhafte Sicherheit des Forderns und Forschens. Eine Bereicherung seines Gesichtskreises, eine Vertiefung seiner methodischen Einsichten in Bildung und Wissenschaft durfte er erwarten, wenn ihm hier das bisher fremde Gebiet der Philosophie, der begrifflichen und moralischen Deutung der Welt, nach seiner eignen künstlerischen und organischen, in einem großen lebendigen Charakter verkprpert begegnete. Denn nur durch den Menschen, nicht durch das System konnte Goethe zur Philosophie gelangen: auch Spinoza war ihm lieb geworden durch begriffliche Formulierung einer ihm verwandten oder notwendigen Menschengesinnung, nicht als Autor eines konsequenten und tiefen Systems. Die mächtige philosophische Bewegung, ja Erschütterung die mit Kant einsetzte, und die so gut wie die französische Revolution Goethes Weltbild angehen mußte, war ihm bisher menschlich noch nicht faßbar geworden, da er keinen sinnlichen Anhaltspunkt fand: Kant selbst ist unter den großen Philosophen vielleicht am wenigsten eine Gestalt: was man über ihn an anekdotischen Überlieferungen aus Biographie und Briefwechsel besitzt zeigt einen liebenswerten und bedeutenden Mann, aber nicht in dem Sinn das gestalte Zentrum seines philosophischen Werks wie Plato, Spinoza oder selbst Descartes durch Haltung und Leben Sinnbilder ihrer Systeme, nicht nur Urheber, sondern Schöpfer und Träger ihrer Systeme sind. Das Reich Kants schickte Schillern gleichsam als Gesandten an Goethe — hier war Gestalt, Vertretung und lebendige Wirkung der Philosophie menschlich faßbar, und schon die bloße Erscheinung Schillers gab Goethe über Kantische Philosophie wenn nicht objektiv richtigeren, so doch persönlich fruchtbareren, das heißt ja für Goethe wahreren Aufschluß als etwa die Lektüre der drei Kritiken. Hier sah er nicht Lehre und Theorem, sondern Form, Wille und Richtung.. und dieser Mann war Dichter und bemühte sich um philosophisches Verständnis wie um menschliche Gemeinschaft mit ihm, er wollte nicht nur etwas, er hatte auch etwas und zwar ein Ganzes, Eignes zu bringen. Von wem sonst aber durfte Goethe damals noch etwas anderes erwarten als sachliche Einzelheiten?

So war Goethe wohl schon durch den persönlichen Eindruck Schillers gewonnen für die Mitarbeiterschaft an dessen neuem Zeitschriftenunter» nehmen „Die Horen“, welches das erstemal alle bedeutenden Köpfe DeutschIands zu gemeinsamem Bildungswirken vereinigen und kraft der versammelten Autorität das hohe Niveau der Autoren halten und dem bildungsbedürftigen Publikum aufnötigen sollte: dabei ward auf den schon erzogenen Heerbann aller einzelnen Größen gerechnet und von deren Verbindung die Ausbreitung wirklicher Bildung erwartet. Goethe durfte und wollte dabei nicht fehlen: hier fand er einen Weg aus der Einsamkeit zur Wirkung und eine geistige Luft in der er den Mund öffnen konnte — und bei seinem Streben nach Universalität mochte er hoffen in solcher Verbindung zu lernen und klarer zu werden über den Kreis der Wirkungsmöglichkeiten: „Schon eine sehr interessante Unterhaltung wird es werden, sich über die Grundsätze zu vereinigen, nach welchen man die eingesendeten Schriften zu prüfen hat, wie über Gehalt und Form zu wachen, um diese Zeitschrift vor andern auszuzeichnen.“ Ihm schwebte ein geistiges Zensoramt vor, wie es seiner damaligen Weltübersicht entsprach. Klar geworden über die Prinzipien der Kunst und Wissenschaft für sich selbst, litt er an der Unmöglichkeit ihrer fruchtbaren Anwendung und Verbreitung. Wollte er sich nicht im Kreise drehen, sondern den Kreis erweitern, so mußte er ein Publikum haben oder eins bilden: eine eigens propagatorische Begabung fehlte ihm, und nun bot ihm von selbst durch eine glückliche Fügung Schiller die seinige zu gemeinsamer Arbeit an. Unter diesem Zeichen schlossen sie ihre Bekannt« schaft: den Bund des aktiven mit dem produktiven Genius.



Inhaltsverzeichnis                                                                                                                         weiter
  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de