2015-10-30

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Schiller Seite 109



Doch das war erst eine praktische Vereinigung zu idealen Zwecken, eine Mitarbeiterschaft aus gegenseitigem Bedürfnis: die Freundschaft begründete sich auf innere Teilnahme, auf Sympathie und „Synethie.“ Kurz nach« dem das praktische Bündnis geschlossen war, die Einrichtung der „Horen“ im Gang war, bekam Goethe von seinem neuen, man kann sagen Impresario, zu seinem Geburtstag 1794 jenen Brief worin ihm sein eigner Bildungstypus und -gang von innen heraus mit so seelenkünderischer Kraft und Klarheit dargelegt wurde, daß er zugleich erschreckt und entzückt war. Hier sah er sich das erstemal als ein Ganzes nicht nur gefühlt, sondern begriffen, nicht nur begriffen in seiner Erscheinung, sondern in seinem Gesetz und seiner Aufgabe. An demjenigen Zeitpunkt seines Lebens da er in der tiefsten Unverstandenheit stumm und verdrossen weiterschritt durfte er unerwartet erfahren daß es einen Geist gab in dem sein Bild vollkommen rein und wahr, nicht mit subjektiver Neigung, sondern mit objektiver Wirkung sich eingedrückt hatte: er war nicht mehr allein, er sah eine fruchtbare angemessene Wirkung seiner Existenz, wogegen die früheren nur trüb, dumpf oder verzerrt waren. Er fand in der Erkenntnis eines ursprünglichen Gegners und noch neuen Weggenossen, was er kaum in der Liebe seiner Charlotte von Stein gefunden hatte: sein eignes Dasein wiedergeboren in einem andren Wesen, das ist metaphysisch: das Zeugnis für die Weltwerdungs einer Einzelexistenz. Wie hätte er nicht den Seelenkünder als Freund begrüßen sollen!

Schillers Brief vom 23. August 1794 ist der Grund dieser Freundschaft. Historisch ist er der erste wirkliche Versuch Goethe als Wesen darzustellen, den Sinn seines Daseins zu deuten, philosophisch bis auf den heutigen Tag das Tiefste was über Goethe gesagt ist. Goethe erwiderte ohne Überschwang, aber mit einer tiefen lange nicht mehr gefühlten Genugtuung, die wie ein Atemholen klingt nach dem Druck langer Resignation: in dieser Antwort steht knapp und sachlich alles was Goethe in dem neuen Freund gewonnen hatte und was er sich von ihm erwarten durfte. Schillers Geburtstagsbrief, Goethes Antwort und Schillers darauf folgender Brief vom 31. 8. 1794 worin er, auf Goethes Wunsch, die Summe seiner eignen Existenz mit derselben Klarheit zieht, und dadurch zugleich seinen Gegensatz und Nachteil gegen Goethe ausspricht (die beste Parallele beiläufig, die zwischen Goethe und Schiller gezogen wurde) diese drei Briefe sind die Ouvertüre zu dem ganzen Briefwechsel, ja das Grundthema ihrer Freundschaft worüber alle späteren Variationen sind: Ausdeutung und Ausbeutung des Gehaltes den sie mitbrachten, vermählten und fortzeugen ließen .. der Gehalt selbst und ihr Wille ihn zu gebrauchen ist in den ersten drei Briefen ausgesprochen.

Also zweierlei bedeutete Schiller für Goethe zunächst, von allem Einzelnen abgesehen: er ist der erste Geist der Goethe ganz begriff und ihm theoretisch zu folgen und zu helfen vermochte — und er hat ihn, kraft dieses ermunternden Verständnisses und kraft seiner moralischen, immer anfeuernden Energie, welche Goethen zugleich publizistische Anregungen gab und Ansprüche stellte, produktiv erhalten. Dies ist im Grund der geistesgeschichtliche Sinn und Erfolg solcher Unternehmungen wie die Horen und die Musenalmanache: sie haben Goethe Anlaß und Raum gegeben seinen Gehalt ins reine zu bringen und auszusprechen, wozu er in jener Epoche seines Lebens ohne innere Anregung und selbst äußeren Zwang wohl nicht von selbst gelangt wäre. Schillers redaktionelle Bedürfnisse halfen Goethe aus seiner Selbstgenügsamkeit herauslocken. Indem Schillers und Goethes Lebensströme sich vereinigten, empfing Goethe eine neue Aktivität, und Schiller einen neuen Gehalt. So ist das Verhältnis von Nehmen und Geben zwischen beiden bestimmt: dem ungeheuren Reichtum Goethes hatte Schiller nicht eigentlich neuen Gehalt zuzufügen: nur neue Bewegung und Tätigkeit, eine neue Außerungsart ermöglichte er ihm.

Das wird deutlich, wenn man Schillers Wirkung mit der irgendeines andren großen Goethischen Erlebnisses vergleicht: jedes hat Goethes Lebensinhalte wesentlich verwandelt, sei es bereichert sei es vertieft sei es gelockert: Schilllers Wirkung bezieht sich auf die Form unter der Goethe seine schon errungenen Inhalte verwertet und betätigt. Herder brachte in Goethes Existenz geschichtliche und ästhetische Bildungsmassen die sich im Götz oder in der Straßburger Lyrik niederschlugen, jede Geliebte Goethes hat in seiner Seele irgendeinen menschlichen Typus, einen Gefühlsgehalt zurückgelassen der in seiner Dichtung als Stimmung, Ereignis oder Ideal weiter wirkt, Karl August ist mindestens in »Ilmenau« und in jenem Venezianischen Epigramm als ein poetischer Inhalt von Goethes Leben gefeiert. Was Italien als Gehaltsbereicherung, nicht nur als Zustandswandlung für Goethe bedeutete haben wir gesehn. Von allen ganz großen Erlebnissen Goethes hat vielleicht Schiller am wenigsten auf Goethes Gehalt, d. h. letzten Endes auf sein Weltbild gewirkt, man müßte denn die im Grund für Goethes Dichtung unfruchtbare, wenn auch für seine Forschungsmethode ihm merkwürdige Bekanntschaft mit Kantischer Philosophie als eine Bereicherung von Goethes Weltbild ansprechen. Schillers eigne Gestalt ward nach seinem Tode zu einem heiligen Heldenbild verdichtet und als solches freilich auch ein Gehalt in sich und für sich: in dem Epilog zu Schillers Glocke, in einigen Maskenzügen, in den Tag-und Jahresheften, in den Gesprächen mit Eckermann lebt seine Persönlichkeit weiter. Aber auch hier ist er für Goethe eine große Einzelgestalt, nicht Repräsentant eines ganzen neuen Gehaltbereichs wie Herder, Karl August, Charlotte Stein, ja noch die ihm persönlich ferneren Napoleon und Byron es geworden sind.

Doch abgesehn von dem was Schiller als Gehalt für Goethe gewesen ist, auch die sachlichen Inhalte die er Goethe zugebracht hat stehen in keinem Verhältnis zu Schillers Wirkung auf Goethes Lebensform, Lebenszustand. (Den Unterschied zwischen Lebensinhalt und Lebenszustand verdeutliche ein Gleichnis: wenn wir schlafen und träumen, so ist der Schlaf der Zustand, der Traum der Inhalt.) So ist das was Goethe unter Schillers Einfluß produzierte, also die Inhalte seiner Produktion, von Schiller fast ganz unabhängig: aber daß er überhaupt wieder produzierte, daß er seinen Gehalt auszusprechen und zu gestalten sich gedrängt fühlte, kurz, daß er wieder in einen produktiven Zustand geriet: das ist Schillers Werk.

Was Goethe für Schiller ward das ist allerdings gerade Gehalt. Wenn Goethe darüber erstaunte wie Schiller bei jeder neuen Begegnung gewachsen sei, so durfte er sich selbst daran den Hauptanteil zuschreiben. Schillers mächtige Aktivität empfing von dieser ihm an Reichtum unendlich überlegnen Natur erst eigentlich „Welt“. Bisher angewiesen auf seine starke Seele, die beinah nichts als Flamme war, empfing er von Goethe Brennstoff aus dessen voller Natur-und Menschenkunde — seine Geschichtskenntnis wurde jetzt erst zur Kenntnis menschlicher Wesen, nicht nur menschlicher Vorgänge, und für die Verkörperung des abstrakten innerlichen Ideals fand er erst im Verkehr mit Goethe die nötige menschliche Ausdeutung: man vergleiche Fiesko mit Wallenstein, Don Carlos mit Teil, um zu sehen, wie er dort vom Ideal zur Verkörperung strebt, hier von dem konkreten Körper zur Verklärung: Goethe hatte ihn auf einen festen Weltboden stellen helfen, der ihm freilich seiner Anlage nach nur zum Sprungbrett dienen mußte in seine Ideenwelt.

Die Frage ob Goethe ohne die Begegnung mit Schiller sich von selbst wieder zu dichterischer Tätigkeit erfrischt hätte ist müßig: wie es geschehen ist ist es ohne Schiller nicht denkbar: die Jahre 1794—1805 stehen unter dem Zeichen Schillerischer Aktivität. Sie löst in diesem Zeitraum als bewegendes Prinzip der Goethischen Fülle das ab, was früher Goethe zur Produktion trieb: die Leidenschaft. Wohl hat Goethes geheime Lebenskraft und Leidenschaft auch an seiner Bildungspoesie teil und zittert darin mit, aber sie stellt sich nicht darin dar, sie bleibt latent. Was sich darstellt ist eine Gesinnung, ein Willen, oder ein Denken Goethes — die Leidenschaft ist nicht mehr der Gehalt, sondern bestenfalls ein Ingrediens dieser Poesie. Sie gehört einer andern Altersstufe an wie jene Urpoesie, einer andren Zone von Goethes Innerm, einem andren Klima, und erfordert zu ihrer Deutung mehr die Kenntnis Goethischer Ideale und Grundsätze als Goethischer Qualen und Wonnen. Wir können zum Beispiel den Tasso begreifen, ohne zu wissen wie Goethe über das Drama gedacht hat, aber nicht die Achillei's, ohne zu wissen wie er über Homerische Epik gedacht hat: denn der Tasso stellt den Ursprung, den Grund dem er entstammt, Goethes Leiden, selbst dar, die Achilleis aber ist nur als Versuch Goethes homerisch zu sein verständlich: das ursprüngliche Erlebnis herrscht im Tasso vor, in der Achilleis ein Bildungswille.



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