2015-10-29

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Theater Seite 105



THEATER

Trotzdem hätte Goethe nach der Rückkehr aus Italien wohl nur still, fast verdrossen und verschlossen vor sich hin geforscht, gesammelt und spärlich gedichtet, wenn nicht dreierlei ihn zu einer Wendung nach außen, d.h. geradezu gegen die deutsche Öffentlichkeit gedrängt hätte: die amtliche Beschäftigung mit dem Theater, die Wirkungen der französischen Revolution und die Bekanntschaft mit Schiller. Die beiden ersten wirkten als äußerer Zwang: die Bekanntschaft mit Schiller als eine mitreißende, innere Nötigung. Am Theater konnte er nicht einmal seine nächste Pflicht erfüllen, nichts auch nur halbwegs seiner Würdiges leisten, wenn er nicht erst ein Niveau herstellte, d. h. Schauspieler und Publikum erzog, oder vielmehr erschuf. Wenn irgendwo, dann war beim damaligen Theaterwesen empirische Pfuscherei, lottrige Geschäftsroutine, bestenfalls gebildete Geschmäcklerei im Schwang, kurz all die Dinge die Goethe am wenigsten vertragen konnte. Hatte er sich aber einmal in die Aufgabe eingelassen ein deutsches Theater auf Prinzipien der Bildung und der Kunst zu gründen, hatte er diese „theatralische Sendung“ auf sich genommen, einerlei ob einem Bedürfnis, einem Glauben oder einem Auftrag folgend, so war es für ihn auch in seinem eigensten Bereich der Dichtung vorbei mit der selbstgenügsamen und „nachtwandlerischen“ Abgeschlossenheit des Sinnens und Schaffens: denn das Theater setzt unmittelbar gegenwärtiges Publikum, ebenbürtiges Niveau voraus, und ein Publikum für das Goethische Theater war erst noch heranzuziehen, da war nicht nur Theorie des Theaters und Dramas für Goethes persönliche Aufklärung nötig, sondern auch Aufklärungsarbeit nach außen, Reinigung des Geschmacks, Kampf gegen den Widerstand der dumpfen Welt.

Das Neue von Goethes jetzigen Theaterbemühungen gegenüber den voritalienischen Versuchen ist der Wille ein Volk, besser eine „Volkheit“, für die Bühne zu erziehen, während er früher von der Bühne her für einen höfisch-geselligen Zirkel als Maitre de plaisir genialische Improvisationen geliefert hatte. Auch hier mochte Goethe von der erkannten und für sich selbst erreichten Höhe nicht mehr herabsteigen. Außerhalb seiner Bildungs-und Kunstluft konnte er weder leben noch wirken, und sich empirisch anbequemen war nach Italien nicht mehr seine Sache: entweder auf dem eignen Niveau bleiben oder verzichten. Das Theater zu seinem Niveau zu heben versuchte er denn einmal. Nur darf man nicht meinen, er habe den Weg zum Theater gesucht, um eine größere Resonanz, ein weiteres Publikum zu finden: nein, er hat ein Publikum gesucht, um mit Selbstachtung das Theater verwalten zu können, das nun einmal auf seinem Lebensweg ihm anvertraut wurde oder das er als eine dichterische Erfahrung und Ausdrucksform bei seinem Willen zur Universalität erproben mußte. Schiller brauchte die Schaubühne als Kanzel für seine mächtige, der Öffentlichkeit bedürftige Rhetorik, für Goethe war sie ein Gegenstand seiner allseitigen Übung und Ausbildung. Goethe kam von der Bühne zum Publikum, Schiller kam um des Publikums willen zur Bühne. Beiden war Bühne und Publikum nicht gleichzeitig gegeben, wie dem echten Dramatiker, beide suchten nachträglich ein nationales Drama, d. h. Einheit von Bühne und Volk zu schaffen, um ihrer individuellen Bedürfnisse willen, Goethe um seiner Bildung, Schiller um seiner Wirkung willen.



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