2015-10-30

J.v.Eichendorff- Gedichte v.1841- Das Waldfräulein (454)



 Das Waldfräulein

Falke war im Wald verflogen
Und die Hunde irrten weit,
Jagdmüd lehnt' an eine Eiche
Sich der Ritter im Gestein,
Eine Jungfrau da erschrocken
In des Wipfels Dunkelheit
Sah er stehen, ihre Locken
Rings umgaben Stamm und Zweig.
»Staune nicht und laß dein Grauen,
Bin ein Königstöchterlein,
Sieben Zauberfraun mich haben
Auf der Amme Schoss gefeit,
Das ich sieben Jahr muß wohnen
Hier in Waldeseinsamkeit.
Sieben Jahr sind heut verflossen
Oder morgen um die Zeit,
Bitte dich um Gottes willen,
Führ mich aus dem Walde heim,
Will als Ehefrau dir dienen,
Oder auch dein Liebchen sein.«

»Fräulein, noch bis morgen frühe
Harret in dem Walde mein,
Hab zu Haus 'ne weise Mutter,
Will erst fragen, was sie meint.« –
Sie vom Baum rief: »Weh dem Ritter,
Der die Jungfrau läßt allein!«

Er ritt fort, sie blieb im Walde,
Mutter riet, er sollt sie frein.

Als er morgens kehrt' zurücke,
War's so stille im Gestein,
Konnt den Baum nicht wiederfinden,
Aber weit, vom Walde weit
Sah er ziehn ein Fähnlein Reiter,
Führten fort das Waldfräulein;
Und er stürzt zu Boden nieder
In der grünen Einsamkeit:
»Schwer Gericht verdient der Ritter,
Der verloren solche Maid!
Ich will selbst den Stab mir brechen,
Ich will selbst mein Richter sein,
Abhaun soll man mir die Rechte
Und mich schleifen durch die Heid!«

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