2015-10-30

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 24.06.1785 Knebel an seine Schwester Henriette (356)



24. Juni

Neustadt an der Orla. Knebel an seine Schwester Henriette

Wir gingen gestern ... von Jena weg, Goethe und ich, und nahmen zwei Bedienten mit uns ...Der Tag war trübe, es regnete mitunter, doch war es nicht unlustig. Mein Reisegefährte war stillern, ruhigem Mutes als ich. Er suchte viele vertrauliche Reden hervor, und ich war dagegen nicht unfreundlich. 

Unterwegs, als wir im Wagen hielten, zeichnete er das Tor und die Einfahrt von dem Hause des Herrn von Schmerzing in Hummelshain, das er abends, als wir hier ankamen, gar hübsch mit der Feder ins Reine brachte. 

Eine kleine Weile darauf, bei Gelegenheit einer Pfeife Tabak, die ich aufs neue anstecken wollte, bat er mich, solches zu unterlassen, weil er von dem Tabaksrauche Erhitzung spüre. Ich unterließ es, wunderte mich aber über die leichte Reizbarkeit seiner Nerven von einer so geringen Ursache. Das Übel nahm bei ihm zu, und er mußte sich wirklich mit Frost und einem besonders krampfhaften Zustande, der ihm starken Schmerz erregte, zu Bette legen. Diesen Morgen hat sich das Übel noch nicht gegeben, und wir werden wohl heute hierbleiben müssen.

Ich bemerkte, wie Goethes Natur leicht bis auf den letzten Augenblick sich unverändert erhält, dann von dem leichtesten Umstande Gelegenheit sich nimmt und ihn gänzlich zu Boden wirft. Dies trifft in vielen Stücken bei ihm.

Vom 5. Juli bis 16. August hielt sich Goethe zum ersten Male als Kurgast in einem Bade auf. Da er dort viel umgänglicher war als zu Hause, so wurde er in manchen neuen Kreisen bekannt und bei alten Bekannten beliebter.

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