2015-12-30

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 09.07.1795 Herzog Karl August an Schiller (643)



9. Juli

Weimar. Herzog Karl August an Schiller

Für die überschickten „Horen“, werter Herr Hofrat, sage ich Ihnen den verbindlichsten Dank. Die „Elegien“ hatten mir sehr wohl gefallen, da sie mir der Autor vorlas oder hererzählte; indessen glaubte ich immer, er würde sie noch etwas liegenlassen, ehe er sie öffentlich erscheinen ließ. Wenn sie vor den Druck in den Händen mehrerer Freunde wären gegeben worden, so würde man vielleicht den Autor vermocht haben, einige zu rüstige Gedanken, die er wörtlich ausgedrückt hat, bloß erraten zu lassen; andere unter geschmeidigeren Wendungen mitzuteilen, noch andere ganz zu unterdrücken.

Die Furcht wird immer bei mir erregt, wenn ich etwas in einen neuen Genre von einen Schriftsteller auftreten sehe, dessen Name imponiert und wo das Werk noch nicht den vollkommensten Grad der Ausbildung erhalten hat, daß so viele Nachahmer dann hinzugeschwommen kommen, welche durch die geschmacklosesten Gueuleen den Augenblick oder die Epoque weiter hinausschieben, wo die deutsche Literatur wirklich den Grad von Humanität erlangen wird, nach welchen alle Schriftsteller streben, denen es ernstlich an der Sache gelegen ist. 

Die schönen Weiber haben zwar die Eigenschaft, daß sie sich zuweilen ein Vergnügen machen, Moden zu erfinden und zu tragen, die allen Nachahmerinnen lächerlich stehen ... Aber ich sollte doch glauben, daß alle diejenigen, welche durch den Namen, den ihnen das Schicksal verliehn hat, zu Vorstehern und Stammhaltern des literarischen Volkes gestempelt sind, diese Launen verbannen sollten.

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