2015-12-30

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 12.07.1795 Friederike Brunn in ihrem Tagebuch (645)



12. Juli


Karlsbad. Friederike Brunn in ihrem Tagebuch

Heute sah er zuweilen leibhaftig aus wie sein Faust. Bald glaubte ich ihn auf dem Faß zu sehen, und dann glaubte ich wieder, der Gottseibeiuns würde ihn auf der Stelle holen ...() Goethe, wie irret dein großer Geist umher! Die Erde war dir zu niedrig, und du verschmähst den Himmel! Welche Stunde wird die deines Erwachens sein? Nun schwebt er zwischen Himmel und Hölle. Wenn dein Sonnenblick sich dem neuen Lichte öffnet, dem du ihn mit wahrer Herzenshärte verschließest; was hat dich zu diesem Trotze gegen alles das gebracht, welches doch so göttlich aus dir redet? Denn wirklich ist in gewissen Momenten ein Blick in Goethes Auge ein Beweis für Unsterblichkeit mehr. 

Heute redete ich viel mit ihm über seine häuslichen Verhältnisse, seine Freunde, seinen Knaben ... Ich sagte ihm meine Freude an seiner Wahrhaftigkeit und Billigkeit. „Das erste ist man, weil man muß; das zweite, soviel man kann, sagte er sehr bescheiden ... 

Am Abend war er hier bei uns mit der kleinen Levin und der Unzelmann, die sehr verständig tut und etwas Treuherziges in ihrem Blick hat, welches mir gefällt. Sein Ton mit Frauen, die nicht streng auf sich halten, ist nicht fein, und an zarter Grazie fehlt’s ihm überhaupt. 

Der Herr Rittmeister von Gualteri war ungebeten dazugekommen, ein avantageuser fat, mit dem Goethe zu meinem Erstaunen sehr bekannt und vertraut tut, ihn aber dabei heimlich schraubt ... 

[Goethe] hat sehr viel mimisches Talent und kann aussehen wie der lebendige Miltonische Teufel; doch ist’s schade um ein so edles Gebilde, es verzerrt zu sehen! 

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