2016-01-30

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen....14.10.1798 Karoline Schlegel an ihren Schwager Friedrich Schlegel (802)



14. Oktober

Jena. Karoline Schlegel an ihren Schwager Friedrich Schlegel

Wilhelm blieb in Weimar zurück, um Goethen zu sprechen, und der ist sehr wohl zu sprechen gewesen, in der besten Laune über das „Athenäum“ und ganz in der gehörigen über Ihren „Wilhelm Meister“, denn er hat nicht bloß den Ernst, er hat auch die belobte Ironie darin gefaßt und ist doch sehr damit zufrieden und sieht der Fortsetzung freundlichst entgegen. Erst hat er gesagt, es wäre recht gut, recht charmant; und nach dieser bei ihm gebräuchlichen Art, vom Wetter zu reden, hat er auch warm die Weise gebilligt, wie Sie es behandelt, daß Sie immer auf den Bau des Ganzen gegangen und sich nicht bei pathologischer Zergliederung der einzelnen Charaktere aufgehalten. Dann hat er gezeigt, daß er es tüchtig gelesen, indem er viele Ausdrücke wiederholt, und besonders eben die ironischen ...

Nun von Goethens Geschäftigkeit. Er hat das weimarische Komödienhaus inwendig durchaus umgeschaffen und in ein freundliches, glänzendes Feenschlößchen verwandelt ... Ein Architekt und Dekorateur aus Stuttgart ist dazu herberufen, und innerhalb dreizehn Wochen sind Säulen, Galerien, Balkone, Vorhang verfertigt und was nicht alles geschmückt, gemalt, verguldet, aber in der Tat mit Geschmack. Die Beleuchtung ist äußerst hübsch, vermittelst eines weiten Kranzes von englischen Lampen, der in einer kleinen Kuppel schwebt, durch welche zugleich der Dunst des Hauses hinauszieht. 

Goethe ist wie ein Kind so eifrig dabeigewesen. Den Tag vor der Eröffnung des Theaters war er von früh bis spätabends da, hat da gegessen und getrunken und eigenhändig mitgearbeitet. Er hat sich die gröbsten Billetts und Belangungen über einige veränderte Einrichtungen und Erhöhung der Preise gefallen lassen und es eben alles mit freudigem Gemüt hingenommen, um die Sache, welche von der Theaterkasse bestritten ward, zustand zu bringen. 

Nun kam die Anlernung der Schauspieler dazu, um das Vorspiel [„Wallensteins Lager“] ordentlich zu geben, worin ihnen alles fremd und unerhört war ... Goethens Mühe war auch nicht verloren; die Gesellschaft hat exzellent gespielt, es war das vollkommenste Ensemble und keine Unordnung in dem Getümmel. Für das Auge nahm es sich ebenfalls trefflich aus. Die Kostüme, können Sie denken, waren sorgfältig zusammengetragen und kontrastierten wieder untereinander sehr artig. Zum Prolog war eine neue, sehr schöne Dekoration.

Bei der Umwandlung des Hauses war Schillers Käfig weggefallen, so daß er sich auf dem offnen Balkon präsentieren mußte, anfangs neben Goethe, dann neben der herzoglichen Loge. Wir waren im Parkett, das denselben Preis mit dem Balkon hat ...

Goethe ist heute wiederum hier angelangt, um nun weiter den vergangenen Effekt des Vorspieles und den zukünftigen des „Piccolomini“ zu überlegen. Desto besser für uns.

Wir waren im Parkett: damit sind außer ihr gemeint: Fichte, Gries und Andere aus Jena.

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