2016-03-30

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- West-östlicher Divan Seite 148


Das Buch Hafis und das Buch Suleika sind, wie schon ihr Titel besagt, die einzigen Divanbücher in deren Mitte bestimmte Persönlichkeiten als Sinnbilder Goethischen Gesamtlebens stehen. Das Buch Timur enthält nur zwei Gedichte, eigentlich nur eins, da das zweite nach Sinn und Ton zum Buch Suleika gehört und wohl nur aus Verlegenheit, um das Timursbuch nicht gar zu dürftig zu machen, wegen der gleichnishaften Anspielung auf Timur herübergenommen ist. Das andre Gedicht „Der Winter und Timur“ ist ein historisches (aus der lateinischen Übersetzung eines persischen Autors geholtes) Gleichnis zu Napoleons russischem Feldzug, das mehr der göttlichen Nemesis als dem historischen Faktum gilt, und im Buch der Parabeln Platz gehabt hätte. Mehr das elementare Ereignis als die Person des Welteroberers bildet seinen Inhalt. Keinesfalls hätte Timur-Napoleon, in dem Sinn wie Hafis und Suleika, als Gleichnis des Goethischen Lebens besungen werden können. Er war nur ein dichterischer Anlaß der schwer beiläufig unterzubringen war und gewichtig genug erschien einem Buch den Namen zu geben, wenn auch nicht dauernd fruchtbar genug um es zu füllen. 

Um die Gestalt des Hafis, das Gleichnis für das Ich des Dichters, und die Gestalt der Suleika, das Gleichnis für das Du des Dichters, rundeten sich rasch und leicht ganze Zyklen, für welche die Überschrift ohne weiteres gegeben war. Aber damit war Goethes lyrische Ernte in den Divanjahren nicht erschöpft. Nicht nur Suleika und Hafis schenkten ihm Gedichte, sondern vielseitige Erfahrungen die zwar alle in der orientalischen Stimmung und der zärtlichen Steigerung lebten, aber — zu Gedichten geworden — nicht in jene beiden Bücher einzureihen waren. Goethe dichtete nicht erst die Titel der Bücher und nachher die dazu passenden Gedichte, sondern von Fall zu Fall wuchsen ihm Gedichte die er nachher als bestimmten Kategorien zugehörig in Bücher verteilte. Da das Erleben und Schaffen sich nicht nach den Kategorien richtete, wurden durch die verschiedene Frucht* barkeit der Anlässe die Bücher ungleichmäßig, und Goethe hat diese architektonische Unzuträglichkeit zu mildern gesucht, indem er in den Noten die allzudünnen Bücher nur als die noch auszufüllenden Umrisse eines „künftigen Divans“ erklärte, und die zu leeren Fächer wenigstens begrifflich umriß durch mögliche weitere zugehörige Motive. Z. B. fielen ihm nur je ein oder zwei Napoleon-Timur-gleichnisse ein, oder von dem parsischen Glauben angeregte Bekenntnisgedichte, aber die Buchfächer waren damit gegeben. Hierbei war noch die Titelfindung leicht durch greifbare Anlässe. Dagegen versammelte er mehrere nicht eindeutige, vor allem nicht nach persönlichen Zentren bestimmbare Gedichte unter vage, fast verlegene Titel nach formalen, d. h. Gattungsfächern, wie die Bücher der Parabeln, der Sprüche und der Betrachtungen, oder nach sachlichen, d. h. Stimmungs- oder Inhaltsfächern, wie die Bücher des Sängers, der Liebe, des Unmuts, des Paradieses.

Eine Stellung zwischen den persönlichen und den sachlichen Büchern, etwa zwischen dem Buch Hafis und dem Buch der Liebe hat das Schenkenbuch, sowohl seinem Gehalt wie seinem Ursprung nach. Es enthält die Mischung zweier ursprünglich getrennter Seelenelemente: der Knabenliebe und der Trunkenheit. Es könnte gerade so gut Buch des Rausches heißen, doch hat Goethe auch hier den persönlichen Titel vorgezogen, wie überall dort wo es irgendwie einer unmittelbar menschlichen Anregung zu danken galt. Beide Motivkreise waren schon in den östlichen Sitten, bei Hafis vorgebildet. Gleichgültig durch welche Person die Schenkenlieder angeregt sind — die eigentliche Frage nach dem Sinn des Schenkenbuchs ist die nach dem Sinn beider Erlebnisarten, der Knabenliebe und des Rausches, in Goethes Alter.

Den sinnlich geistigen Zauber des schönen Menschenleibs, den Eros, der nicht nur als geschlechtlicher Fortpflanzungstrieb, sondern auch als geistiger Zeugungs- und Bildungstrieb wirkt (zu dem der Geschlechtstrieb sich etwa verhält wie das Blicken zum Schauen, das Tasten zum Gefühl und das Sillabieren zur Sprache) die übergeschlechtliche, wenn auch nicht ungeschlechtliche Liebe, die nichts mit der sexuellen Polarität zu tun hat und also an jeder, auch der männlichen Schönheit, der augenmäßig ergriffenen Ausstrahlung harmonisch gegliederter Lebensfülle, sich entzündet — diese platonische Menschenschau hat auch Goethe als ein vollkommener und als ein heidnisch gerichteter Augen- und Sinnenmensch an sich erfahren.. schon weil dieser geistige Zeugungstrieb aus der gleichen Wurzel stammt wie der plastische Formtrieb. Gerade dem Plastiker ist der männliche Leib als der formhaftere, nicht „reizhaftere, der durchgestaltete, nichtbloß verheißende, die vollkommenere Offenbarung, wie Goethe selbst einmal gesprächsweise betont hat. Wo es Goethe sein jeweiliger Motivkreis, wie der antike in priapischen Epigrammen, oder der orientalische im Westöstlichen Divan, erlaubte hat er diese Wallung unbefangen ausgesprochen, sie öffentlich indes den europäisch christlichen Sitten annähernd, indem er den sinnlichen Bildnerdrang pädagogisch auslegte — mit vollem Recht, wenn auch nicht ganz ohne leise Ironie mit dem Hintergedanken daß wohl wahre und echte Erziehung mehr erotischen (nicht sexuellen) Ursprungs und Grundes sein möge als die Schulmeister ahnten. Was die Griechen wußten — zumal Plato, dem Erziehung, d.h. Menschenformung, ohne Eros undenkbar war — das wußte Goethe auch, doch mußte er in verchristlichten Umgebungen, welche den sinnlichen Eros nur als animalischen Geschlechtstrieb und infolgedessen die Knabenliebe nur als schmutziges Laster kannten, dieses Wissen ästhetisch oder pädagogisch motivieren, als geistige Freude an der schönen Form oder als väterliche Zuneigung des Weisen zum Erwachsenden: beides freilich Zeichen und Folgen, wenn auch nicht Ursprung und Wesen jenes Eros. Durch die Anlehnung an das östliche literarische Vorbild wurde der Ausdruck seiner Knabenliebe noch diskreter und unverfänglicher.

Seinen eigentlich dichterischen Wert erhält das Schenkenbuch nicht durch seine pädagogische Deutung oder Deutbarkeit (zumal von Erziehung des Schenken durch den Dichter in den Gedichten selbst wenig zu merken ist) sondern durch die ruhig-breite Wärme eines nach Jahren und Wesen vollendeten Menschen und die anmutig dreiste, scheusinnliche und geweckt schmiegsame eines werdenden. Aus dem Kontakt wie aus dem Kontrast des Herabschauenden und des Hinaufschauenden, des Allwissenden aber nicht Bedürfnislosen und des Vielahnenden aber in seinem engen Kreis Selbstsichern, des gereiften immer noch Jungen und des reifenden, reifewillig Altklugen, dessen der lehren und fordern und dessen der locken und necken darf, der die Vergangenheit und der die Zukunft voraus hat — aus der Spannung zweier entgegengesetzter Reifezustände in einem eng umschriebenen Verhältnis, wie es das von Herr und Page ist, ergibt sich die Bewegung, aus ihrem Zusammentreffen bei gemeinsamen Genüssen oder Bedürfnissen, Wein, Weib und Gesang, ergeben sich die Einzelmotive des Schenkenbuchs. Um es schreiben zu können mußte Goethe den griechischen Eros kennen, alt und wieder jung, mit Hafis weise und durch Suleika zärtlich geworden sein. Nur als Ausfluß der Hafis-Suleika-stimmung ist auch das Schenkenbuch möglich.

Das Schenkenbuch ist aber nicht nur einer menschlichen Neigung gewidmet, sondern vor allem die Goethische Feier des Rausches als des gesteigerten, seelenlösenden, ja selbst seherischen Zustandes überhaupt! Goethes frühere Trinklieder galten mehr der Geselligkeit und waren als Rundgesänge für fröhliche Burschen, als Ausbruch einer Tafel» also Sammelstimmung gemeint. Die Lieder des Schenkenbuchs besingen den Rausch des Einzelnen, und der Weinrausch ist nur die Vorform, die sinnliche Lage der göttlichen Trunkenheit in der man, befreit von den Hüllen und Ketten der Logik, dem Bereich des rechnenden, wägenden und zerlegenden Verstandes entrückt „das Rechte weiß“. Nicht als geselliger Mischer und Sorgenbrecher, sondern als Steigerer und Offenbarer des wesentlichen Ich, nicht als süßer Verschleierer und Trüber, sondern als Erleuchter gilt hier der Rausch: das Schenkenbuch verherrlicht wie sonst nirgends die „produktiven Kräfte die im Wein liegen“ — oder mythologisch gesprochen: die Macht des Dionysos (nicht nur die beschränktere des Silen, wie die Gesellschaftslieder). Das ist die Macht die den Menschen aus der verständigen Vereinzelung und gewohnheitsmäßigen Zwecksverknüpfung hebt und wiedervereinigt mit dem schöpferischen Urgrund aller Sondererscheinungen, aber nicht durch Verdunklung seines Geists (auch das kann ihre Funktion sein) sondern durch Erleuchtung seines Blutes. Dies ist der Hauptunterschied zwischen der Trunkenheit des jungen Goethe und der des alten: damals fand er im Rausch gesteigerte „Dumpfheit“ und (gemäß der Hamann-Herderischen antirationalistischen Sturm-und-drang-stimmung, welcher Blut mehr galt als Geist) Blutwerdung des Geistes. Jetzt zur Weisheit gelangt und auf dem Gipfel apollinischer Erhellung, sieht er in jeder Steigerung seiner Kraft auch Steigerung seines Wissens, und auch Dionysos mußte seinem Apollo dienen, durch Geistwerdung des Blutes: auch der Wein ist Geist.

Daß der Mensch bewußt sei
Darauf kommt es überall an.

Eine lyrische Verherrlichung seines Jugendrausches haben wir nicht, und die einzige seines eignen Altersrausches ist das Schenkenbuch. Wohl aber hat er noch eine rhapsodische Darstellung der Rauschkräfte im zweiten Teil des Faust gegeben: nach dem Verschwinden Helenas, als der Chor in die Elemente zurücktaucht. Auch im Schenkenbuch bot übrigens Hafis vielfach die Formen für Goethes Urerlebnis der wissenden Trunkenheit: schon bei Hafis ist der Rausch als Vorstufe für die göttliche Erleuchtung gefeiert.

Das Buch Hafis, das Buch Suleika und das Schenkenbuch sind von den ausgeführten Büchern des Divan die einzigen mit persönlicher, ja selbst sachlicher Einheit, Zyklen im engeren Sinn. Die andren sind Sammlungen, unter einen Begriff gebracht auf den sie sich nachträglich beziehen lassen, aus dem sie aber nicht von vornherein hervorgehen. Diese drei Bücher enthalten einmalige Erlebnisse des Dichters, die andren allgemeine Erfahrungen, Beobachtungen, Gesinnungen. Hier spricht Goethe aus was ihm begegnet unter dem Gesichtspunkt seiner schönen Augenblicke, seines Ich, also von seinem lyrisch bewegten Herzen aus — die Ewigkeit sub specie momenti. In den andren Büchern stellt er seine Momente unter eine von ihm unabhängige, wenn auch freilich von ihm erkannte, ewige Ordnung: die Augenblicke sub specie aeterni. Dort gibt seine Person die Form, die Welt den Stoff der Feier, hier ist es umgekehrt .. freilich eine von ihm erfahrene Welt. Nach der geläufigen Terminologie sind diese drei Bücher lyrisch, die andren didaktisch, wobei nur zu erinnern ist daß bei Goethe auch die Lehren nur der geklärte Niederschlag von Erlebnissen sind, gewissermaßen ein späteres, starreres Stadium der lyrischen Bekenntnisse oder eine bewußte Anwendung und Ausdeutung seiner Erlebnisse für die Allgemeinheit. Zwischen Erlebnis und Lehre steht die Erfahrung: wird sie ausgesprochen zur Entladung des Ich, so ist sie lyrisch .. wird sie ausgesprochen mit Rücksicht auf andre, so ist sie didaktisch. Sie kann als Bekenntnis die Richtung von einer Mitte her angeben, sie kann als Lehre die Richtung nach einer Peripherie hin angeben. Die Inhalte die im Buch Hafis und im Buch Suleika als lyrische Bekenntnisse, als Selbstdarstellung erscheinen finden wir im Buch des Sängers und im Buch der Liebe als Erfahrungssprüche oder als Lehrgleichnisse wieder. Die übrigen Bücher vereinigen Sprüche, Gleichnisse, Lehren und Glaubensregeln als Niederschlag von Erfahrungen die in Goethes Alter nicht mehr im lyrischen Stadium auszusprechen waren, deren Formulierung bereits jenseits der Ich-erschütterung, jenseits des Beichtbedürfnisses stattfand. ,

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