2016-06-29

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 30.08.1816 (261)



260. An Goethe 30.08.1816

Baden, den 30. August 1816. 

Andre aus Offenbach schreibt mir, daß er meine Lieder nicht erhalten hat, und wenn sie jetzt noch nicht abgesandt sind, so will ich sie ihm von Berlin aus schicken lassen, doch möchte ich es wissen, damit er sie nicht zweimal ohne Not erhält.

Er hat sich erboten, mir eine ausführliche Beurteilung derselben zukommen zu lassen, worauf ich mich in der Tat freue und recht ordentlich ausgehunzt zu werden hoffe, da ich seine Lieder kenne und seine Grundsätze. Die Catalani hat er gerupft, gebissen, ja zerrissen, wie ein ungeschickter Schlächter, der nicht weiß, wo die Gurgel sitzt.

Am 28. abends haben wir Deine Gesundheit getrunken mit Sulpiz Boisseree bei Madame Deron, gebornen v. Imhoff, die ein artiges Frauchen geworden ist und einen guten Mann hat.

In Karlsruhe wollte man mir durchaus aufbinden: Du seist dies Jahr in den ersten Monaten schon einmal in Karlsruhe gewesen, und als ich’s nicht glauben wollte, traten Zeugen auf, die Dich von Angesicht gesehn und Dir ein Ständchen gebracht haben. Da ich’s nun dennoch nicht glaube und auch Sulpiz von nichts wissen will, so schreib mir doch, wie diese Sache zusammenhängt, denn daß Du voriges Jahr hier gewesen bist, weiß ich recht gut.

Ich bleibe wenigstens bis zum 12. September hier. Und lasse mir dann die Briefe nachschicken. Die Bäder sind weniger bequem als in Wiesbaden und Teplitz, dafür sind aber die Spaziergänge über alle Beschreibung schön.

Die »Teufelskanzel« habe ich gestern bestiegen und den Gründen und Bäumen Dein Heil geprediget. Auch nach Lichtental bin ich gewesen und hoffe, noch ein Mehreres davon sagen zu können.

Meine Wohnung ist in der »Sonne«, Nr. 42, wo ich freundlich, ruhig und nicht zu weit vom Bade bin. Das Wetter ist, seit ich von Heidelberg weg bin, schön, doch abends herbstlich kühl. Einen kleinen Abstecher nach Straßburg zu machen, ist das Nächste, woran ich denke, doch werde ich nicht über zwei Nächte wegbleiben. Gott befohlen! Bis in den Tod

Dein

Z.

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