2016-07-29

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 11.01.1819 (318)



319. An Goethe 11.01.1819

Montag, den 11. Januar 1819. 

In der Eile will ich nur bemerken, daß in dem zuletzt übersandten »Pillalu« in der ersten und letzten Strophe auf den Worten »Och orro orro ollalu« die Noten der Melodie so heißen müssen:

Och or - ro or - ro

daher die hier mit der Zahl 4 bezeichnete Note, welche in dem gesandten Manuskript F heißt, H heißen soll, wie hier zu sehen, und so auch in der letzten Strophe. Alles andere bleibt an seiner Stelle.

Deinen schönen Trostbrief erhielt ich, als mein letzter mit dem Kaviar bereits auf die Post gegeben war, wünsche aber, daß das Wesen genießbar ankommen möge, denn seit gestern ist das Wetter wieder umgeschlagen.

Wenn Du mir Deine explanatorischen Gedichte senden wolltest, so wünschte ich, daß es balde geschähe, da ich eben etwas im Zuge bin; ich brauche stets mehr Zeit, mich von gewohnten Umgebungen freizumachen, als zur Arbeit selber. Lächeln mußte ich wie Du, als ich erfuhr, daß Du Matthesons »Vollkommnen Kapellmeister« gelesen hast. Dieser Mann war Königlich Großbritannischer Legationsrat bis an seinen Tod und zugleich ein höchst brauchbarer Staatsmann. In seinem 72. Jahre hatte er ebensoviel meist musikalische Schriften geschrieben, die sich jetzt wunderlich genug ausnehmen. Ich kucke gar gern hinein, weil sie mir jedesmal zu Gedanken verhelfen, die ich wer weiß wie weit zu suchen hätte.

Das »Wohltemperierte Klavier« habe ich Dir in einem guten Manuskripte vor einiger Zeit zugesandt, Du hättest es also zu kaufen nicht nötig gehabt. Werde mir nur nicht wie unser König, der gern kauft, was er schon hat.

Ein lateinisches Original, wovon unser »Wie schön leuchtet der Morgenstern« eine Übersetzung wäre, ist nicht bekannt, wiewohl in alten Gesangbüchern von solchen Liedern gern der lateinische Anfang angemerkt ist. Es wird dem Philipp Nicolai, Pastor zu Hamburg, zugeschrieben, weil es in dessen 1598 zu Hamburg herausgekommenen »Freudenspiegel« abgedruckt ist, doch könnte auch Wilhelm Ernst, Graf und Herr zu Waldeck (ein Name, den die Anfangsbuchstaben der Strophen des Liedes angeben) der Verfasser sein, und dann ist es auch vielleicht original. NB. So wie es im Porst’schen Gesangbuche steht. Denn neuere Editionen enthalten diesen Umstand nicht.

Die kleinen Härten, welche das Lied hat, würde einer wie Du leicht und vielleicht in Schönheiten verwandeln.

Nun gehabt euch wohl und laß von Dir vernehmen.            Z.

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