2016-07-29

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 26.04.1819 (321)



322. An Goethe 26.04.1819

Deine allerliebsten »Geschwister« wurden am Donnerstage recht säuberlich und nett hier aufgeführt. Wolff war vorzüglich, und Madame Stich, die jetzt fast täglich spielt und sich täglich bessert, tat mehr, als man ihr zugetraut hatte.

Als Kunstnatur steht diese junge artige Frau mit Madame Wolff ungefähr gleich: sie weiß sich vieles zuzueignen und, spricht sie noch immer gespannt, doch fertig, deutlich, richtig; auch ihre Haltung nimmt Sprache an, wann auch das artige Gesicht nicht immer mit will. Es ist gar viel, was ein Schauspieler sein soll.

Es kann Dir wohl angenehm sein, daß eben erst uns Wolffs zu statten kommen. Sie sind um so nützlicher, da sie nicht allgemein gefallen; aber der Unterschied ist merklich zwischen sonst und jetzt, da diese beiden Leute einige Jahre gewirkt haben, ohne daß es eben aufgefallen wäre, und was diese Wirkung noch schätzbarer macht, ist, daß sie nicht kopiert werden, wie es wohl mit Iffland der Fall war.

Auf die Ankunft unseres Sohnes freue ich mich, und seine Zimmer sind offen für ihn. Ist es auch bei uns etwas weitläuftig, so ist er bei mir doch besser aufgehoben als in einer gemieteten Wohnung. Einen Diener habe ich, der uns beide beschaffen kann, und für die Frau bietet sich meine Tochter, die ein verständiges Mädchen ist, als Kammerjungfer an, und Köchin und Küche nebst Zubehör sind auch im Hause.

Daß der »Diwan« nicht im Meßverzeichnisse steht, darüber ist man hier ergrimmt, indem alles danach leckert, und Dein neuestes Heft von »Kunst und Altertum« habe ich zwar flankieren sehn, aber in der Tat noch nicht gelesen, weil ich es von Dir erwartete.

Weiter wüßte ich für heut nichts zu sagen. Es ist niemand zu Hause. Die Welt ist auf Universitäten, und wir beide sind nicht jung genug, um auf ihre Heimkehr zu warten.

Lebe nun wohl und sei versichert, daß ich Deines Herzens bleibe.

Berlin, den 26. April 1819.              Z.

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