2016-07-27

Gedichte von E. Geibel: Heimgekehrt (58)



Heimgekehrt

Leis am Samstagabend
Hallt die Vesper aus;
Vor das Tor im Zwielicht
Lockt's auch mich hinaus.

Um die letzten Giebel
Webt noch roter Duft,
Taubenschwärme rauschen
Durch die goldne Luft.

Grüß' euch Gott, ihr Wipfel!
Wurdet ihr so hoch?
Ich auch bin verwandelt,
Doch ihr kennt mich noch.

Hier mit den Gespielen
Schlug ich froh den Ball,
Dort als Jüngling taucht' ich
In des Flusses Schwall.

Unter jener Eiche,
Wo der Brunnen rinnt,
Harrt' ich oft, wie selig!
Auf das schönste Kind.

Ach, und dort im Garten,
Jauchzend nach dem Harm
Erster Trennung, sank ich
In der Mutter Arm.

Nein, hier bin ich fremd nicht,
Bin nicht einsam mehr.
All ihr teuren Schatten
Wandelt um mich her.

Weit in Wonn' und Wehmut
Geht das Herz mir auf –
Sieh, und überm Walde
Glänzt der Mond herauf.
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