27.07.2016

Gedichte von E. Geibel: Herbstnacht (60)



Herbstnacht

Ich schreit' hinan die Waldesbahn
In Finsternis und Schweigen,
Da kommt ein Sausen dumpf heran,
Da rührt sich's in den Zweigen.
Der Geist der Nacht ist aufgewacht,
Er singt in dunklen Zungen;
Hei, wie so wild das braust und schwillt
Von Berg zu Berg geschwungen!

Dahin, daher, wie Wogen im Meer,
Wiegen die Wipfel und schwanken,
Schon rieselt das Laub herab in den Staub,
Schon brechen Äst' und Ranken;
Der Eiche First erseufzt und birst,
Die Fichte kracht vom Hange,
Der Waldbach zischt, verkehrt in Gischt,
Wie eine bäumende Schlange.

Im Busch verirrt die Eule schwirrt,
Die Augen rot ihr funkeln,
Der Damhirsch setzt, vom Sturm gehetzt,
Quer über den Steig im Dunkeln.
Das kreischt und ruft aus Fels und Kluft!
Das ist ein Flattern und Rasen!
Dazwischen schallt aus hoher Luft
Des wilden Jägers Blasen.

Laß schallen sein Horn, laß sieden den Born!
Laß Busch und Wipfel brausen!
Laß krachen die Tann' in des Windes Zorn!
Mir soll darob nicht grausen.
Ich weiß einen Bann, der zwingen kann
Den Nachtgeist, wie er wüte:
Von dir ein Lied, Geliebte, zieht
Mir wonnig durchs Gemüte.

Beim Lampenschein jetzt harrst du mein
Im warmen Erkersaale,
Aus rankendem Grün rings Blumen glühn,
Von Düften qualmt die Schale;
Du horchst empor mit leisem Ohr:
»So war's der Nachtsturm wieder?«
Entfesselt rollt der Locken Gold
Dir über die Stirn hernieder.

Gott grüß' dich, Kind! Ich schreite geschwind,
Wie der Pilger zum tröstenden Bilde.
Deine Hand so weiß, wie wird sie mit Fleiß
Das Haar mir schlichten, das wilde!
Wie wird dein Mund bis zum Herzensgrund
Mit Küssen den Frost mir zertauen!
O selige Rast! – Drum weiter in Hast
Durch die Nacht, durch den Sturm, durch das Grauen!
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