2016-07-29

Gedichte von E. Geibel: Indische Weisheit (71)



Indische Weisheit

Der Ganges rauscht; vernimm im Abendrot
Die Lehre von der Wandlung nach dem Tod.

Was ist, das ist von Anfang her gewesen
Und wird im Tod zu neuem Sein genesen.

Der Inhalt bleibt, doch wechselt fort und fort
Die Signatur nach ew'ger Satzung Wort.

Woran dein Herz zuletzt gedacht auf Erden,
Darein wirst sterbend du verwandelt werden.

Trifft dich, o Jäger, noch voll Mordbegier
Der Tod: den Wald durchschweifst du einst als Tier.

Warst du vertieft, der Schöpfung Lied zu lauschen:
Als Blume wirst du blühn, als Welle rauschen.

Und so dein Gold dir zwang den dumpfen Sinn:
Zum Erz in Bergesschacht fährst du dahin.

Wohl faßt vor solchem Schicksal dich ein Beben;
Doch steht's bei dir, ins reinste Licht zu streben.

Gedenk' an Gott zur Stunde, da der Pfeil
Des Todes schwirrt, und du wirst sein ein Teil:

Ein Tropfen, licht ins Meer zurückgesunken,
Spielend in seiner Glut ein reiner Funken.

Doch dies erwäge: Jählings naht der Tod,
Und keiner sagt dir, wo noch wann er droht;

So sei, daß er nicht überrascht dich fälle,
Dein Auge stets gekehrt zur ew'gen Helle

Und deines Wesens Blüte todbereit
In Gott versenkt zu jeder Stund' und Zeit.
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