2017-02-03

Gedichte v. W. Michel: Lied der Armen (32)



 Lied des Armen

Mir ist die laute Welt so tot.
Mir ist die reiche Welt so karg.
Von Morgenrot bis Abendrot
Der Tag vergeht mir wie im Sarg.

Mir dorrt im leeren Schrein das Brot
Zu ungefügen Klumpen ein.
Von Morgenrot bis Abendrot
Hör' ich die blasse Hure Not
Den Qualspruch aller Armen schrei'n:

„Die Armut schändet ! Die Armut blendet!
Die Armut schliesst dir jedes Haus.
Ein jeder Blick steht abgewendet,
Und jede Türe speit dich aus.

Der Hunger frisst mit gelben Zähnen
An deiner Kraft, an deinem Wert.
Hohn schallt zur Antwort deinen Tränen,
Hass wird des Mitleids Henkerschwert."

Die Turmuhr stösst mit gellem Munde
Ihr siegendes Gewieher aus.
Mir ist der Tag wie eine Stunde.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Nachrichten an:

geologe.ef@gmx.de