2017-05-28

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 06.11.1825 (482)


06.11.1825 An Goethe

Den 6. November. Mein Felix fährt fort und ist fleißig. Er hat soeben wieder ein Oktett für acht obligate Instrumente vollendet, das Hand und Fuß hat. Daneben hat er seinem braven Hauslehrer Heyse vor einigen Wochen ein artiges Angebinde überreicht: er hat nämlich ganz für sich allein ein Terenz’sches Lustspiel (»Das Mädchen von Andros«) metrisch übersetzt, worin recht gute Verse sein sollen, denn gesehn habe ich sie noch nicht. Er spielt das Klavier wie Teufel, und auf Streichinstrumenten ist er nicht zurück; dabei ist er gesund, stark und schwimmt ganz artig stromauf!

Sie haben ihm in der »Musikalischen Zeitung« seine Quartetten und Sinfonieen etwas kühle rezensiert, was ihm nicht schaden kann; denn diese Rezensenten sind auch junge Bursche, die den Hut suchen, den sie in der Hand haben. Und wer sich nicht erinnerte, wie vor 40 Jahren Glucks und Mozarts Stücke beurteilt wurden, möchte untröstlich sein. Was solchen Herren nie in Sinn gekommen wäre, darüber fahren sie frisch hin, und nach einem Backsteine können sie ein Haus taxieren. Und was ich ihm eben zugestehn muß, ist, daß er stets aus dem Ganzen und aufs Ganze arbeitet und alles Angefangene vollendet, es mag ausfallen, wie es will; weshalb er denn auch keine besondere Zärtlichkeit für das Fertige blicken läßt. Allerdings fehlt es nicht an heterogenem Gestein, das jedoch der Strom abführt, wiewohl gemeine Fehler und Schwächen selten sind.

Montag, den 7. Heut also ist der Tag, und eben jetzt haben sie Dich in der Klemme. Holl wiß, alter Gesell! und laß Dich machen! Noch einmal soll das starke Herz Stich halten. Es will schon was sagen! Ich habe an der Hälfte beinahe zu viel gehabt, bin aber noch so davongekommen, daß es nur geritzt hat. Was mich gerettet hat, war der Gedanke: die unschuldige Ursache abzugeben, wodurch die ändern einen guten Tag haben. Und so wirst Du etwa auch tun — noscimus!

Dienstag, 8. Wohl bekomme Dir die Brautnacht! Wenn solch ein Jubliläum keine Hochzeit ist, so weiß ich keine. Du Weltbräutigam der Zeit und Ewigkeit, der Herr segne Dein Geschlecht bis ins tausendmaltausendste Glied! Daß mein Champagner nicht ist geschont worden, gehört in die Geschichte; wenn ich nur recht hätte mittrinken können! Ich gehe, wie Du meinst, meinen alten Gang, lese täglich Kollegium ohne Aufsehn und Hörsaal, mitunter gratis et frustra, aber hell und munter, wobei ich selber das meiste profitiere und mich manchmal wundere, wie eine Fläche soviel Seiten hat; auch kommt man wohl zuweilen in Schuß, und da könnte es nicht schaden, wenn’s einer anmerkte und behielte — doch:

Gut Korn
Geht nicht verlorn.
Und so und stets

Dein

Z.

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