2017-08-10

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 16.05.1826 (504)



An Goethe 16.03.1826

Dienstag, 16. Mai 1826. 

Unsre Lustfahrt nach Sanssouci ist frostig abgelaufen. Nach schlechter Nacht gestern morgen gegen 5 Uhr in Wind und Wettern abgefahren ist lange nicht alles. In Staub und Kälte kommt man nach 8 Uhr an Ort und Stelle, findet kalte Stuben, setzt sich und — spielt Whist, und diesen Morgen gegen 2 Uhr bin ich wieder hier angelangt.

Das heißt geloffen, schlecht gesoffen! und was find’ ich vor meinem Bette? Da schickt mir Gott weiß wer Tiedgens sämtliche 7 Bände zum Geschenk, und bin ich erklammt, so erstarrt man über solche Mineralbrunnenkurpoesie, die wie kalter Sprudel, statt aufzulösen, obstruierend wirkt. Dann, was wirklich ärgerlich ist, wie solche Gedankenmisere zu manchem schönen Vers kommt! den man wie einen verirrten Wanderknaben fragen möchte, von wannen er kommt.

Hohle Schmeichelei alter Philinen, die man ganz anders kennt, düstrer Haß, hohe Worte, gemeine Ansicht, Geklimper mit »Auroren«, »Horen«, »Bataillen«, »Canaillen« — und dann: ihre Tugend, die nicht Hund nicht Katze fressen will.

Du merkst, wie mir unsre Lustfahrt bekommen ist, und damit sat.

Was mich tröstet, ist, daß Bracebridges abgehalten waren mitzufahren, da sie wohl anderweitig empfohlen sind.

Doris wird sie diesen Vormittag aufsuchen und zum Essen einladen, da sie denn mit Englischkundigen Zusammensein sollen.

Sonnabend, 20. Mai Eine Art Leute hier im Orte, die man Sohlendrescher nennen dürfte, sind stets bereit, jeden Fremden, besonders Engländer, zu packen, um sie durch Staubdummen-, Blinden- und klinischen Anstalten, Museen, Kunst- und Naturhaufen zu schleifen, bis sie zuletzt, um einige Zolle abgelaufen, sich still mit sanften Goddamn davonmachen.

Das ist der Fall mit Bracebridges, die heute früh abgereist sind, ohne daß ich sie wieder gesehn hätte als auf der Singakademie, wo ich mich mit niemand besonders unterhalten kann. — Die sollen an Berlin denken, aber ich bin nicht schuld, und da ich doch nun nicht mehr nach England komme, mag mir’s auf andre Art vergolten werden.

Es ist so häßlich kalt und zugleich so schönes Manöverwetter, daß ich gern zu Hause bin, um meine Evolutionen am Ofen zu machen.

Lebe wohl! es ist Posttag, ich aber warte wie ein armer Narr auf das neuste Stück von »Kunst und Altertum«.

Dein

Z.

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