2013-01-31

Deutsche Gedichte zum Thema Küsse, küssen Teil 1








Der Kuß


Ward Unsterblichkeit mir? Stieg ein Olympier
Mit der Schale herab? Bebte sein goldner Kelch,
Voll der Trauben des Himmels,
Um die Lippe des Taumelnden?

Wehe Kühlung mir zu, wann du mir wiederum
Reichst den glühenden Kelch, daß mir die Seele nicht
Ganz im Feuer zerfließe,
Wehe, wehe mir Kühlung zu.

Unter Blüten des Mais spielt' ich mit ihrer Hand;
Koste liebelnd mit ihr, schaute mein schwebendes
Bild im Auge des Mädchens;
Raubt' ihr bebend den ersten Kuß!

Ewig strahlt die Gestalt mir in der Seel' herauf;
Ewig flieget der Kuss, wie ein versengend Feur,
Mir durch Mark und Gebeine;
Ewig zittert mein Herz nach ihr!

Hölty

Die Küsse

Ein Küßchen, das ein Kind mir schenket,
Das mit den Küssen nur noch spielt
Und bei dem Küssen noch nichts denket,
Das ist ein Kuß, den man nicht fühlt.

Ein Kuß, den mir ein Freund verehret,
Das ist ein Gruß, der eigentlich
Zum wahren Küssen nicht gehöret:
Aus kalter Mode küßt er mich.

Ein Kuß, den mit mein Vater gibet,
Ein wohlgemeinter Segenskuß,
Wenn er sein Söhnchen lobt und liebet,
Ist etwas, das ich ehren muss.

Ein Kuß von meiner Schwester Liebe
Steht mir als Kuß nur so weit an,
Als ich dabei mit heißerm Triebe
An andre Mädchen denken kann.

Ein Kuß, den Lesbia mir reichet,
Den kein Verräter sehen muß,
Und der dem Kuß der Tauben gleichet:
Ja, so ein Kuß, das ist ein Kuß.

G.E.Lessing

Die erste Liebe

O wie viel Leben, wie viel Zeit
Hab' ich, als kaum beseelt, verloren,
Eh mich die Gunst der Zärtlichkeit
Begeistert und für dich erkohren!
Nun mich dein süßer Kuß erfreut,
O nun belebt sich meine Zeit!
Nun bin ich erst geboren!

Friedrich von Hagedorn

Der erste Kuß

Leiser nannt' ich deinen Namen
Und mein Auge warb um dich:
Liebe Chloe! näher kamen
Unser beider Herzen sich.

Und du nanntest meinen Namen;
Hoffen ließ dein Auge mich:
Liebe Chloe! näher kamen
Unser beider Lippen sich.

O! es war ein süßes Neigen;
Bis wir endlich, Mund an Mund,
Fest uns hielten, ohne Zeugen:
Und geschlossen war der Bund.

Johann Georg Jacobi
Abschied

War unersättlich nach viel tausend Küssen,
Und mußt mit einem Kuß am Ende scheiden.
Nach herber Trennung tiefempfundnem Leiden
War mir das Ufer, dem ich mich entrissen,

Mit Wohnungen, mit Bergen, Hügeln, Flüssen,
So lang' ich's deutlich sah, ein Schatz der Freuden;
Zuletzt im Blauen blieb ein Augenweiden
An fernentwichnen lichten Finsternissen.

Und endlich, als das Meer den Blick umgrenzte,
Fiel mir zurück ins Herz mein heiß Verlangen;
Ich suchte mein Verlornes gar verdrossen.

Da war es gleich, als ob der Himmel glänzte;
Mir schien, als wäre nichts mir, nichts entgangen,
Als hätt ich alles, was ich je genossen.

Sie an ihn

Der Abend sinkt,
Kein Sternlein blinkt,
Am Himmel winkt
Der Mond uns nicht
Mit mildem Licht.

Die Nacht ist kalt,
Der Hohlweg schallt;
Es saust der Wald,
Es rauscht der Bach
Mir Schauer nach.

Ich schließe mich
Gar ängstiglich,
Mein Freund, an dich;
O küsse du
Ins Herz mir Ruh!

So wall' ich gern,
Von allen fern,
Auch ohne Stern:
Wenn nur bei Nacht
Die Liebe wacht.

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg

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