2013-03-11

Christian Morgenstern- Kurzbiographie und Gedichte Teil 1







geboren:         06.05.1871 in München
gestorben:      31.03.1914 Meran

ab 1884  in Breslau/glücklichen Kinderjahren 
             Studium Jura, Philosophie und Kunstgeschichte in Breslau und München
1893      Erkrankt an Tuberkulose
1894      Freier Journalist und Schriftsteller in Berlin
1895      Erstes Buch. Der Gedichtzyklus "In Phantas Schloß"
1898-99 Norwegenreise/ Trifft Ibsen
1910      Heiratet M.G.von Lichtenstern
Reisen nach Italien und die Schweiz

Werke/Lyrik-Gedichtbände (Auswahl)

In Phantas Schloß 1895
Auf vielen Wegen 1897
Ich und die Welt 1898
Ein Sommer 1899
Galgenlieder 1905
Palmström 1910
Palma Kunkel 1916

Neben weiteren hier nicht erwähnten Gedichtbänden hat Morgenstern zahlreiche Übersetzungen geschaffen. (u.a. Hamsun, Strindberg, Ibsen)

Morgenstern ist vor allem mit seinen satirischen Gedichten einem breiten Publikum bekannt geworden und geblieben. Sein sogenannte ernsthaften Dichtungen, sind entgegen seiner Hoffnung, nie populär geworden. Seine Gedichte sind gekennzeichnet durch Wortwitz und oftmals auch durch Hintergründigkeit. Ein Jongleur der Sprache wie es in der deutschen Literatur nicht ein zweites mal gibt. 
Richard Alewyn, ein deutscher Literaturkritiker und Germanist sagte über Morgenstern:
Mit seinen Kreuz- und Quertreibereien, mit Winkelzügen und Rösselsprüngen hat Morgenstern uns erlöst von dem Alpdruck der bloßen Wirklichkeit und der blöden Vernünftigkeit. Er hat den Unsinn entdeckt als ein Heilmittel gegen den Trübsinn, aber auch als eine sprudelnde Fontäne des Tiefsinns. Er hat den Mut gehabt, sich in aller Öffentlichkeit auf den Kopf zu stellen und die Welt von unten zu betrachten."



Gedichte



Das Knie

Ein Knie geht einsam durch die Welt.

Es ist ein Knie, sonst nichts!
Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!
Es ist ein Knie, sonst nichts.

Im Kriege ward einmal ein Mann
erschossen um und um.
Das Knie allein blieb unverletzt -
als wär's ein Heiligtum.

Seitdem geht's einsam durch die Welt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.
Es ist kein Baum, es ist kein Zelt.
Es ist ein Knie, sonst nichts.

Die wirklich praktischen Leute

Es kommen zu Palmström heute
die wirklich praktischen Leute,

die wirklich auf allen Zehen
im wirklichen Leben stehen.

Sie klopfen ihm auf den Rücken
und sind in sehr vielen Stücken –

so sagen sie – ganz die Seinen.
Doch wer, der mit beiden Beinen

im wirklichen Leben stände,
der wüßte doch und befände,

wie viel, so gut auch der Wille,
rein idealistische Grille.

Sie schütteln besorgt die Köpfe
und drehn ihm vom Rock die Knöpfe

und hoffen zu postulieren:
er wird auch einer der Ihren,

ein Glanzstück erlesenster Sorte,
ein Bürger, mit einem Worte.

Der Gaul

Es läutet beim Professor Stein.
Die Köchin rupfe die Hühner.
Die Minna geht: Wer kann das sein? -
Ein Gaul steht vor der Türe.

Die Minna wirft die Türe zu.
Die Köchin kommt: Was gibt's denn?
Das Fräulein kommt im Morgenschuh.
Es kommt die ganze Familie.

"Ich bin, verzeihn Sie", spricht der Gaul,
"der Gaul vom Tischler Bartels.
Ich brachte Ihnen dazumaul
die Tür- und Fensterrahmen!"

Die vierzehn Leute samt dem Mops,
sie stehn, als ob sie träumten.
Das kleinste Kind tut einen Hops,
die andern stehn wie Bäume.

Der Gaul, da keiner ihn versteht,
schnalzt bloß mal mit der Zunge,
dann kehrt er still sich ab und geht
die Treppe wieder hinunter.

Die dreizehn schaun auf ihren Herrn,
ob er nicht sprechen möchte
"Das war", spricht der Professor Stein
"ein unerhörtes Erlebnis!... "

Das Butterbrotpapier

Ein Butterbrotpapier im Wald,
da es beschneit wird, fühlt sich kalt...

In seiner Angst, wiewohl es nie
an Denken vorher irgendwie

gedacht, natürlich, als ein Ding
aus Lumpen usw., fing,

aus Angst, so sagte ich, fing an
zu denken, fing, hob an, begann

zu denken, denkt euch, was das heißt,
bekam (aus Angst, so sagt' ich) - Geist,

und zwar, versteht sich, nicht bloß so
vom Himmel droben irgendwo,

vielmehr infolge einer ganz
exakt entstandnen Hirnsubstanz -

die aus Holz, Eiweiß, Mehl und Schmer,
(durch Angst), mit Überspringung der

sonst üblichen Weltalter, an
ihm Boden und Gefäß gewann -

[(mit Überspringung) in und an
ihm Boden und Gefäß gewann.]

Mithilfe dieser Hilfe nun
entschloß sich das Papier zum Tun,

zum Leben, zum - gleichviel, es fing
zu gehn an - wie ein Schmetterling...

zu kriechen erst, zu fliegen drauf,
bis übers Unterholz hinauf,

dann über die Chaussee und quer
und kreuz und links und hin und her -

wie eben solch ein Tier zur Welt
(je nach dem Wind) (und sollst) sich stellt.

Doch, Freunde! werdet bleich gleich mir! -:
Ein Vogel, dick und ganz voll Gier,

erblickt's (wir sind im Januar...) -
und schickt sich an, mit Haut und Haar -

und schickt sich an, mit Haar und Haut -
(wer mag da endigen!) (mir graut) -

(Bedenkt, was alles nötig war!) -
und schickt sich an, mit Haut und Haar --

ein Butterbrotpapier im Wald
gewinnt - aus Angst - Naturgestalt...

Genug!! Der wilde Specht verschluckt
das unersetzliche Produkt...




Lesen Sie auch:

Morgenstern Teil 2


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