2013-08-21

F.L.von Hardenberg (Novalis)- Hymnen an die Nacht- Text und Interpretationsversuch


Der Gedichtzyklus erschien 1800 und ist in 2 Fassungen überliefert. Die eine Fassung ist in Versen geschrieben und handschriftlich überliefert. Die Zweite, eine Druckfassung, besteht vorwiegend  aus  rhythmischer Prosa mit eingesprengten lyrischen Passagen. Von dieser Fassung ist die  Handschrift nicht erhalten.

Das Werk besteht aus 6 Hymnen die man in 3 Teile zu je 2 Hymnen einteilen kann und die sich bis zur 6. Hymne in ihrer Handlung steigernd entwickeln.

In den ersten Hymne werden Licht (Tag) und Nacht (Dunkel) gegenüber gestellt wobei das Licht als lebensspendende Kraft für die Welt in ihrer Gesamtheit verstanden werden kann. Dem gegenüber steht die Nacht als Sinnbild von Hoffnungslosigkeit und Leere. Das in dieser Phase der Hymne eingeführte lyrische ICH sehnt sich nach dem Licht.
Im dritten Teil der ersten Hymne weicht allmählich die Sehnsucht nach dem Licht und  macht  einem Verständnis für die Nacht Platz. Die Nacht wird zu einem Ort der Liebe. Sie ist es die Einzige die Räume von Tag und Nacht oder Tod und Leben überschreiten kann. Mit den Worten: "Sonne der Nacht" findet eine Vereinigung von Licht und Nacht statt und die Nacht wird als das eigentlich all Umfassende angesehen.

Die 2 Hymne beginnt mit einer Ernüchterung. ("Muß immer wieder der Morgen wiederkommen?)
Aber das ICH erkennt das die Herrschaft des Lichts begrenzt ist und die Nacht zeitlos und raumlos. Die 2. Hymne stellt kontrastierend Licht und Nacht gegenüber und betont die zeitliche Begrenztheit des Lichts.
Das ICH trennt sich in dieser Hymne endgültig vom Tag und berichtet davon wie am Grabe der Geliebten sich Zeit und Raum aufheben. Am Ende der Hymne steht die Gewissheit des ewigen Zusammenseins mit der Geliebten.

Die 3.Hymne  wird oft als die Urhymne bezeichnet da sie starke autobiographische Züge trägt und Hardenberg stellenweise fast wörtlich aus seinem Tagebuch zitiert. (Tagebuch 13.05.1797) Allerdings sind keinerlei handschriftliche Vorstufen die das belegen. Heute geht die Forschung davon aus das Hardenberg bei der Niederschrift der Hymne aus der Erinnerung geschöpft hat und die Hymne im Zuge des normalen Schaffungsprozeß entstanden ist.

In der vierten Hymne kann der ICH-Erzähler nicht mehr ins irdische Leben zurück und sein Herz gehören nun der Dunkelheit und der Nacht. Das ICH weiß das es kein Morgen mehr geben wird und die Sehnsucht nach der Nacht kann als Sehnsucht nach den Tod verstanden werden um ewig mit der Geliebten verbunden zu sein.

In der 5.Hymne wechseln Vers und Prosa und sie ist die längste aller 6 Hymnen. In dieser Hymne gibt Novalis einen Überblick über die Geschichte der Menschheit. Die ICH-Erzählform wird durch eine Erzählung in der dritten Person abgelöst. Hardenberg schlägt den Bogen von der Antike bis zum Tode von Christus. Während in der früheren Zeit die Menschen keine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod hatten änderte sich das mit dem Tode von Christus am Kreuz. Der Tod hat sein Schrecken verloren denn nach dem Tod wartet das ewige Leben  in der Nachfolge von Jesus Christus. 

In der abschließenden 6. Hymne macht sich Unsicherheit breit und sie steht damit im Gegensatz zur 5. Hymne in der Glaubensgewissheit den Ton der Hymne bestimmt. Die Sehnsucht nach dem Tod ist zugleich die Sehnsucht nach dem ewigen Leben. Der Erzähler nimmt Abschied und verläßt die Welt in der er nur ein Fremdling war um an seinen Ursprung und in seine Heimat zurückzukehren- Der Nacht!


Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn, das allerfreuliche Licht - mit seinen Farben, seinen Strahlen und Wogen; seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag. Wie des Lebens innerste Seele atmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt, und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut - atmet es der funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige, saugende Pflanze, und das wilde, brennende, vielgestaltete Tier - vor allen aber der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen. Wie ein König der irdischen Natur ruft es jede Kraft zu zahllosen Verwandlungen, knüpft und löst unendliche Bündnisse, hängt sein himmlisches Bild jedem irdischen Wesen um. - Seine Gegenwart allein offenbart die Wunderherrlichkeit der Reiche der Welt.

Abwärts wend ich mich zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Nacht. Fernab liegt die Welt - in eine tiefe Gruft versenkt - wüst und einsam ist ihre Stelle. In den Saiten der Brust weht tiefe Wehmut. In Tautropfen will ich hinuntersinken und mit der Asche mich vermischen. - Fernen der Erinnerung, Wünsche der Jugend, der Kindheit Träume, des ganzen langen Lebens kurze Freuden und vergebliche Hoffnungen kommen in grauen Kleidern, wie Abendnebel nach der Sonne Untergang. In andern Räumen schlug die lustigen Gezelte das Licht auf. Sollte es nie zu seinen Kindern wiederkommen, die mit der Unschuld Glauben seiner harren?

Was quillt auf einmal so ahndungsvoll unterm Herzen, und verschluckt der Wehmut weiche Luft? Hast auch du ein Gefallen an uns, dunkle Nacht? Was hältst du unter deinem Mantel, das mir unsichtbar kräftig an die Seele geht? Köstlicher Balsam träuft aus deiner Hand, aus dem Bündel Mohn. Die schweren Flügel des Gemüts hebst du empor. Dunkel und unaussprechlich fühlen wir uns bewegt - ein ernstes Antlitz seh ich froh erschrocken, das sanft und andachtsvoll sich zu mir neigt, und unter unendlich verschlungenen Locken der Mutter liebe Jugend zeigt. Wie arm und kindisch dünkt mir das Licht nun - wie erfreulich und gesegnet des Tages Abschied - Also nur darum, weil die Nacht dir abwendig macht die Dienenden, säetest du in des Raumes Weiten die leuchtenden Kugeln, zu verkünden deine Allmacht - deine Wiederkehr - in den Zeiten deiner Entfernung. Himmlischer, als jene blitzenden Sterne, dünken uns die unendlichen Augen, die die Nacht in uns geöffnet. Weiter sehn sie, als die blässesten jener zahllosen Heere - unbedürftig des Lichts durchschaun sie die Tiefen eines liebenden Gemüts - was einen höhern Raum mit unsäglicher Wollust füllt. Preis der Weltköniginn, der hohen Verkündigerinn heiliger Welten, der Pflegerinn seliger Liebe - sie sendet mir dich - zarte Geliebte - liebliche Sonne der Nacht, - nun wach ich - denn ich bin Dein und Mein - du hast die Nacht mir zum Leben verkündet - mich zum Menschen gemacht - zehre mit Geisterglut meinen Leib, daß ich luftig mit dir inniger mich mische und dann ewig die Brautnacht währt.

1 Kommentar:

  1. danke für die tollen Informationen und vor allen für die Interpretation ist echt gut:);) Vielen Dank;)

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