2013-09-12

Lyrik des Barocks- Paul Gerhardt- Biografie+ Leseproben


geboren:       12.03. 1607 Gräfenhainichen/ Kurfürstentum Sachsen

gestorben:    27.05. 1676 Lübben/ Spreewald

Sohn einer Gastwirtsfamilie, Zwei Brüder und eine Schwester, Paul, Christian und Anna


1619
Der Vater stirbt.

1621
Seine Mutter stirbt

1622
Besuch der Fürstenschule St. Augustin in Grimma. Lehrfächer: Rhetorik, Musik, Poetik, Dialektik.
Erfolgreicher Abschluss der Schule und im Zeugnis wird ihm Fleiß und Talent bestätigt.

1627
Am 15. Dezember verlässt er die Fürstenschule und zieht nach Wittenberg um Theologie zu studieren.

1628
2. Januar immatrikuliert er an der Universität in Wittenberg. Durch Schule und Elternhaus hatte Gerhardt schon Bekanntschaft mit der Lehre Luthers gemacht und lernt in Wittenberg bedeutende Lehrer des Glaubens Luthers kennen.

1636/37
Viele Menschen befinden sich in der Stadt die vor den Folgen des 30jährigen Krieges geflüchtet sind. In Wittenberg tobt die Pest.
Im April wird die Geburtsstadt von Gerhardt durch schwedische Soldaten vernichtet. Sein Bruder Christian stirbt.

1642
Für eine Feier verfasst Gerhardt sein erstes Gedicht.

1643
Gerhardt beendet sein Studium und geht nach Berlin. Die Bevölkerung der Stadt wurde durch den Krieg von 12000 auf 5000 reduziert.

1647
Weitere Lieder von Gerhardt erscheinen im Gesangsbuch eines Freundes. (18 Lieder) In der Ausgabe von 1653 sind es bereits 82 Lieder von Gerhardt.

1651
Erste Pfarrstelle in Mittweida bei Berlin

1655
Er heiratet Anna Maria Barthold, geboren 1622. (11.Februar)
Seine erste Tochter stirbt bereits 1857. Vier weitere Kinder. Nur der Sohn Paul Friedrich überlebt die Eltern.

1657-67
Pfarrer an der Nikolaikirche

1664
Das zweite kurfürstliche Toleranzedikt tritt in Kraft, doch Gerhardt weigert sich, das Dekret zu unterschreiben.

1667
Seit 1666 hatte Gerhardt angefangen kleine Hefte anzulegen die jeweils 12 Arbeiten enthalten. Sie erscheinen ab 1667 als "Geistliche Andachten" Am 5.März stirbt seine Frau.

1666–1667
Februar: Gerhardt gerät in Streitsituationen mit dem Kurfürst über das Toleranzedikt und wird von seinem Amt suspendiert.

1669- 1676
Gerhardt lebt in bescheidenen Verhältnissen in Lübben wo er als Archidiakon tätig ist.




Werke (Auswahl)

Du bist ein Mensch, du weißt das wohl (RG 677)
Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld, Passionslied
Ich steh an deiner Krippen hier, von Johann Sebastian Bach vertont
O Welt, sieh hier dein Leben, Passionslied (EG 84/RG 441/F&L 246)
Warum sollt ich mich denn grämen? (EG 370/RG 678/NG 152/F&L 387 / MG 381)
Herr, der du vormals hast dein Land (EG 283)
Ich bin ein Gast auf Erden (EG 529/RG 753)
O Herz des Königs aller Welt (AK 471)
Fröhlich soll mein Herze springen, Weihnachtslied
Geh aus, mein Herz, und suche Freud, Sommerlied
O Jesu Christ, mein schönstes Licht (RG 654)
Ich weiß, mein Gott, daß all mein Tun (EG 497)
Nun freut euch hier und überall Osterlied (RG 476/AK 420)
Auf, auf, mein Herz, mit Freuden nimm wahr, was heut geschicht, Osterlied
Die güldne Sonne
Wer wohlauf ist und gesund (EG-Württemberg 674 / MG 62)
Zeuch ein zu deinen Toren, Pfingstlied (EG 133/RG 508/F&L 280 / MG 318)
Paul Gerhardt ist der bedeutendste Lyriker geistlicher Lieder des Barocks. Viele seiner Werke wurden in fremde Sprachen übersetzt oder finden sich bis heute in den Gesangsbüchern beider Konfessionen wieder. 
Ausschlaggebend für sein Werk wurden der 30jährige Krieg und die Bekanntschaft mit Pest und Tod. Viele seiner Gedichte sind schlicht und von tiefen Gefühlen gegenüber den Leiden und Leben der einfachen Menschen geprägt so das sie zu Volksliedern wurden. Vielleicht ist Gerhardt der Barockdichter, von dessen Werk das Meiste bis in unsere Zeit lebendig geblieben ist.
In seinen Liedern verbindet er geistliche Aspekte mit Naturbetrachtung, Mitgefühl mit seinen Mitmenschen und auch Sehnsucht nach Frieden spiegeln sich in seinem Werk wieder das durch das ganze geistliche Jahr führt. Der Dichter verfolgt das Ziel den Menschen Trost zu spenden und ihr Vertrauen in den Glauben zu stärken. Derzeit sind von Gerhardt 139 deutsche Lieder und Gedichte bekannt und desweiteren 15 Gedichte in lateinischer Sprache. Vertont wurden seine Werke u.a. von J.S.Bach und Johann Crüger.

Als Vorbild oder Vorläufer Gerhardts kann man Johann Heermann ansehen der in der Zeit der führende Lyriker evangelischer Kirchenlieder ist. Von ihm übernimmt Gerhardt die Formen sowie das das Spiel mit Worten und Metaphern. Allerdings wird man extreme Haltungen, wie bei anderen Barockdichtern, bei Gerhardt vergebens suchen. Verzückung und Pathos sind ihm fremd und würden auch nicht seiner eher schlichten Gemütsart entsprechen. Dieses Fernhalten von jeglichen Extremen gibt der Lyrik des Dichters den liedhaften fast melodiösen Ton.

Bei Gerhardt steht der Mensch in seinem Verhältnis zu Gott im Mittelpunkt seiner Dichtung und er vollzieht damit eine Abwendung vom Gemeindegesang zum persönlichen Erbauungslied. Seit Luther hatte die geistliche Lieddichtung keine entscheidenden neuen Impulse erhalten und Gerhardts Lyrik läutet eine neue Phase ein. Für den Heim-und Familiengebrauch war ein Bedarf entstanden den der Dichter mit seinen Liedern befriedigte. Auch die Einbeziehung von Themen wie Natur, Ehe, Ungewitter usw. sowie zeitgenössische Ereignisse, eingebunden in geistliche Themen, sind ein Verdienst des Dichters und machen einen großen Teil seiner Volkstümlichkeit aus. 


Leseproben


Wie soll ich dich empfangen

Wie soll ich dich empfangen
Und wie begegn' ich dir?
O aller Welt Verlangen,
O meiner Seelen Zier!
O Jesu, Jesu, setze
Mir selbst die Fackel bei,
Damit, was dich ergötze,
Mir kund und wissend sei.

Dein Zion streut dir Palmen
Und grüne Zweige hin,
Und ich will dir in Psalmen
Ermuntern meinen Sinn.
Mein Herze soll dir grünen
In stetem Lob und Preis
Und deinem Namen dienen,
So gut es kann und weiß.

Was hast du unterlassen
Zu meinem Trost und Freud?
Als Leib und Seele saßen
In ihrem größten Leid,
Als mir das Reich genommen,
Da Fried und Freude lacht,
Da bist du, mein Heil, kommen
Und hast mich froh gemacht.

Ich lag in schweren Banden,
Du kommst und machst mich los;
Ich stund in Spott und Schanden,
Du kommst und machst mich groß
Und hebst mich hoch zu Ehren
Und schenkst mir großes Gut,
Das sich nicht lässt verzehren,
Wie irdisch Reichtum tut.

Nichts, nichts hat dich getrieben
Zu mir vom Himmelszelt
Als das geliebte Lieben,
Damit du alle Welt
In ihren tausend Plagen
Und großen Jammerlast,
Die kein Mund kann aussagen,
So fest umfangen hast.

Das schreib dir in dein Herze,
Du hochbetrübtes Heer,
Bei denen Gram und Schmerze
Sich häuft je mehr und mehr.
Seid unverzagt, ihr habet
Die Hilfe vor der Tür;
Der eure Herzen labet
Und tröstet, steht allhier.

Ihr dürft euch nicht bemühen
Noch sorgen Tag und Nacht,
Wie ihr ihn wollet ziehen
Mit eures Armes Macht.
Er kommt, er kommt mit Willen,
Ist voller Lieb und Lust,
All Angst und Not zu stillen,
Die ihm an euch bewusst.

Auch dürft ihr nicht erschrecken
Vor eurer Sündenschuld.
Nein, Jesus will sie decken
Mit seiner Lieb und Huld.
Er kommt, er kommt den Sündern
Zum Trost und wahren Heil,
Schafft, dass bei Gottes Kindern
Verbleib ihr Erb und Teil.

Was fragt ihr nach dem Schreien
Der Feind und ihrer Tück?
Der Herr wird sie zerstreuen
In einem Augenblick.
Er kommt, er kommt, ein König,
Dem wahrlich alle Feind
Auf Erden viel zu wenig
Zum Widerstande seind.

Er kommt zum Weltgerichte,
Zum Fluch dem, der ihm flucht,
Mit Gnad und süßem Lichte
Dem, der ihn liebt und sucht.
Ach komm, ach komm, o Sonne,
Und hol uns allzumal
Zum ewgen Licht und Wonne
In deinen Freudensaal.

Fröhlich soll mein Herze springen

Fröhlich soll mein Herze springen
Dieser Zeit, Da vor Freud'
Alle Engel singen.
Hört, hört, wie mit vollen Chören
Alle Luft Laute ruft:
Christus ist geboren!

Heute geht aus seiner Kammer
Gottes Held, Der die Welt
Reißt aus allem Jammer.
Gott wird Mensch dir, Mensch, zugute.
Gottes Kind, Das verbind't
Sich mit unserm Blute.

Sollt' uns Gott nun können haßen,
Der uns gibt, Was er liebt
Über alle Maßen?
Gott gibt, unserm Leid zu wehren,
Seinen Sohn Aus dem Thron
Seiner Macht und Ehren.

Sollte von uns sein gekehret,
Der sein Reich Und zugleich
Sich uns selbst verehret?
Sollt' uns Gottes Sohn nicht lieben,
Der jetzt kömmt, Von uns nimmt,
Was uns will betrüben?

Hätte vor der Menschen Orden
Unser Heil Einen Greu'l,
Wär'er nicht Mensch worden.
Hätt' er Lust zu unserm Schaden,
Ei, so würd' Unsre Bürd'
Er nicht auf sich laden.

Er nimmt auf sich, was auf Erden
Wir getan, Gibt sich an,
Unser Lamm zu werden,
Unser Lamm, das für uns stirbet
Und bei Gott Fuer den Tod
Gnad' und Fried' erwirbet.

Nun, er liegt in seiner Krippen,
Ruft zu sich Mich und dich,
Spricht mit süßen Lippen:
Laßet fahr'n, o liebe Brüder,
Was euch quält, Was euch fehlt,
Ich bring' alles wieder.

Ei, so kommt und laßt uns laufen!
Stellt euch ein, Groß und klein,
Eilt mit großem Haufen!
Liebt den, der vor Liebe brennet;
Schaut den Stern, Der uns gern
Licht und Labsal gönnet.
9. Die ihr schwebt in großen Leiden,
Sehet, hier Ist die Tür
Zu den wahren Freuden.
Faßt ihn wohl, er wird euch führen
An den Ort, Da hinfort
Euch kein Kreuz wird rühren.

Wer sich fühlt beschwert im Herzen,
Wer empfind't Seine Sünd'
Und Gewissensschmerzen,
Sei getrost, hier wird gefunden,
Der in Eil' Machet heil
Die vergift'ten Wunden.

Die ihr arm seid und elende,
Kommt herbei, Füllet frei
Eures Glaubens Hände!
Hier sind alle guten Gaben
Und das Gold, Da ihr sollt
Euer Herz mit laben.

Süßes Heil, laß dich umfangen,
Laß mich dir, Meine Zier,
Unverrückt anhangen!
Du bist meines Lebens Leben;
Nun kann ich Mich durch dich
Wohl zufrieden geben.

Meine Schuld kann mich nicht drücken,
Denn du hast Meine Last
All' auf deinem Rücken.
Kein Fleck ist an mir zu finden,
Ich bin gar Rein und klar
Aller meiner Sünden.

Ich bin rein um deinetwillen;
Du gibst g'nug Ehr' und Schmuck,
Mich darein zu hüllen.
Ich will dich ins Herze schließen;
O mein Ruhm, Edle Blum',
Laß dich recht genießen!

Ich will dich mit Fleiß bewahren,
Ich will dir Leben hier,
Dir will ich abfahren;
Mit dir will ich endlich schweben
Voller Freud' Ohne Zeit
Dort im andern Leben.

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