2013-10-22

An die Natur- Naturgediche von Lavater, Stolberg und Lessing (3)







Johann Kaspar Lavater

An die Natur

Erscheine mir im Taggewand,
Im Nachtgewand, Natur!
Reich deinem Sohn die Mutterhand,
Ihm einen Finger nur!

Dich zu erkennen, welch ein Glück,
Zu fühlen, welche Lust!
Natur! Entwölke meinen Blick,
Enthülle deine Brust!

Ein Strahl von dir umleuchte mich,
Ich sitze oder geh'!
Still steh' mein Odem, wenn ich dich
Im Menschenantlitz seh'!
Friedrich Leopold Graf zu Stolberg

An die Natur

 Süße, heilige Natur,
 Laß mich geh'n auf deiner Spur,
 Leite mich an deiner Hand,
 Wie ein Kind am Gängelband!

5Wenn ich dann ermüdet bin,
 Sink' ich dir am Busen hin,
 Athme süße Himmelslust
 Hangend an der Mutterbrust.

 Ach! wie wohl ist mir bei dir!
10Will dich lieben für und für;
 Laß mich geh'n auf deiner Spur,
 Süße, heilige Natur!
Gotthold Ephraim Lessing

Die drei Reiche der Natur

 Ich trink', und trinkend fällt mir bei,
Warum Naturreich dreifach sei.
Die Tier' und Menschen trinken, lieben,
Ein jegliches nach seinen Trieben:
Delphin und Adler, Floh und Hund
Empfindet Lieb', und netzt den Mund.
Was also trinkt und lieben kann,
Wird in das erste Reich getan.

Die Pflanze macht das zweite Reich,
Dem ersten nicht an Güte gleich:
Sie liebet nicht, doch kann sie trinken;
Wenn Wolken träufelnd niedersinken,
So trinkt die Zeder und der Klee,
Der Weinstock und die Aloe.
Drum, was nicht liebt, doch trinken kann,
Wird in das zweite Reich getan.

Das Steinreich macht das dritte Reich;
Und hier sind Sand und Demant gleich:
Kein Stein fühlt Durst und zarte Triebe,
Er wächset ohne Trunk und Liebe.
Drum, was nicht hebt noch trinken kann,
Wird in das letzte Reich getan.
Denn ohne Lieb' und ohne Wein,
Sprich, Mensch, was bleibst du noch? – – Ein Stein.

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