2014-01-11

Dichter der Aufklärung: J. C. Gottsched- Biografie + Leseproben

geboren: 02.02.1700 Juditten bei Königsberg

gestorben: 12.12.1766 Leipzig






1700

2. Februar: Johann Christoph Gottsched wird in Juditten/Ostpreußen als Sohn eine Pfarrers geboren.

1714
An der Universität Königsberg. Studiert erst Theologie und dann Sprachen und Philosophie.

1719

Gottsched verteidigt seine Dissertation. 

1723

Promoviert zum Magister. Er entzieht sich der Gefahr in das Garderegiment des "Soldatenkönigs" gezwungen zu werden. 

1724

Flucht nach Leipzig dort Privatdozent. 

1725

Vorlesungen in Philosophie. Gründet die moralische Wochenschrift »Die Vernünftigen Tadlerinnen«. Tritt der "Deutschen übenden poetischen Gesellschaft" bei. (Später "Deutsche Gesellschaft")

1726

Vorsitzender der "Deutschen Gesellschaft" (bis 1738 mehrfach Vorsitzender) Zusammenarbeit mit der Neuberschen Theatergruppe beginnt.

1730

Gottsched wird außerordentlicher Professor der Poesie. Sein literaturtheoretisches Hauptwerk erscheint. ("Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen.")

1734

Gottsched wird zum ordentlicher Professor der Logik und Metaphysik in Leipzig ernannt. 

1735

Er heiratet die Lustspieldichterin Luise Adelgunde Victorie Kulmus in Königsberg.

1736

Wegen sogenannter "Freigeisterei" droht ihm die Entlassung aus dem akademischen Lehramt.

1738

Gottsched legt sein Amt in der "Deutschen Gesellschaft nieder".

1740

Literaturstreit zwischen Gottsched und den Schweizern Bodmer und Breitinger.

1741

Die Vorrede zu seiner Sammlung »Die Deutsche Schaubühne nach den Regeln und Exempeln der Alten« wird verfasst.

1745–1762

Bruch mit der Neuberschen Theatergruppe. Gibt weitere Zeitschriften heraus. "Neuen Büchersaal der schönen Wissenschaften und freyen Künste" und "Das Neueste aus der anmuthigen Gelehrsamkeit")

1757

 Bibliographie: "Nöthiger Vorrath zur Geschichte der deutschen Dramatischen Dichtkunst oder Verzeichniß aller Deutschen Trauer- Lust- und Sing-Spiele [...] von 1450 bis zur Hälfte des jetzigen Jahrhunderts"

1759

Er verfasst eine "Akademische Redekunst".

1762

Seine Frau stirbt. Heiratet noch im Jahr 1762 Ernestine von Neunes.

 1765

Arbeitet vor allem als Übersetzer. 

1766

 Gottsched stirbt in Leipzig. (12.Dezember)





Werke (Auswahl)

Theoretische Werke

Versuch einer critischen Dichtkunst vor die Deutschen, Leipzig 1729

Erste Gründe der gesamten Weltweisheit, Leipzig 1733
Ausführliche Redekunst, Leipzig 1736
Grundlegung einer deutschen Sprachkunst, Leipzig 1748

Dramen und Gedichte


Sterbender Cato 1732 (Drama)

Agis, König zu Sparta 1745 (Drama)
Gedichte 1736
Neueste Gedichte 1750

Herausgeber zahlreicher Zeitschriften und Sammlungen z.B


Die Vernünftigen Tadlerinnen 1725/26, 1738, 1748 Zeitschrift

Der Biedermann 1728/29 Zeitschrift
Oden der Deutschen Gesellschaft 1728,1738 Sammlung



Gottsched hat sowohl als Dramatiker als auch als Lyriker keine Werke hinterlassen die eine tiefere Spur in der deutschen Literaturgeschichte hinterlassen haben. Trotzdem kann in dieser Epochenübersicht, die vor allen die deutschen Lyrik behandelt, nicht an Gottsched vorbeigehen da er einer der führender Theoretiker der Zeit war und zeitweise einen großen Einfluss auf alle Zweige der deutschen Literatur ausübte.

Gottsched entstammt dem Bürgerbildungstum aber die wirtschaftlichen Verhältnisse in seinen Elternhaus sind eher als kärglich zu bezeichnen. Bis zum Besuch der Universität besuchte er keine Schule und wurde zusammen mit seinem Bruder vom Vater unterrichtet.
Die Universität in Königsberg wurde für ihn prägend, da seine Lehrer den neuen wissenschaftlichen Gedanken der Aufklärung verbunden waren und auf ihren Reisen durch ganz Westeuropa,  neue wissenschaftliche Methoden und Ansätze mit in die Heimat gebracht hatten die insbesondere sein Lehrer für Dichtkunst, Johann Valentin Pietsch, an den jungen Studenten weiter vermitteln konnte.

Nach dem Erwerb des Magistertitels hielt er erste Vorlesungen in Rede-und Dichtkunst. Seine akademische Laufbahn wurde je unterbrochen als er im Jahr 1724 vor den Werbern des Preußenkönigs  nach Leipzig fliehen musste. In Leipzig  übte der Historiker und Philosoph J.B.Mencke einen große Einfluss auf Gottsched aus und die "Deutsche Gesellschaft"  waren prägend für den Bildungsfortgang Gottscheds. Bis 1738 wurde Gottsched mehrfach zum Senior der Vereinigung gewählt die er allmählich auf die Ideen der Aufklärung ausrichtete und so zu nationaler Anerkennung verhalf. 
In führenden Positionen an der Universität Leipzig bemühte sich Gottsched um die Belebung der deutschen Literatur und des Theaters und versuchte über seine Zeitschriften aufklärerisch tätig zu werden. Desweiteren veröffentlichte er zahlreiche Lehr-und Schulbücher für Rhetorik, Poetik und Grammatik. Durch seine Reformversuche gelang es den Leipziger Buchhandel zu beleben so das die Stadt bald eines der Zentren des deutschen Buchhandels wurde.
Seine theoretischen Schriften, insbesondere das Buch "Versuch einer critischen Dichtkunst vor die Deutschen" sind als Regelwerk für Dichter zu verstehen und die Arbeit trägt maßgebend dazu bei die letzten Reste des Spätbarocks zu überwinden.
Durch seine vielfältigen Bemühungen wurde Gottsched allmählich zum Führer einer Bewegung die das aufstrebende deutsche Bürgertum unterstützten.

Wenn auch nicht alle Vorhaben gelangen und auf halben Wege stecken blieben, so leistete er aber auf alle von ihm angestoßenen Reformen Pionierarbeit und was er erreichte kann unter den Bedingungen der territorialen Zerrissenheit Deutschlands als eine große Kulturgeschichtliche Tat bezeichnet werden. 
Eine der bedeutendsten Leistungen Gottscheds war die Theaterreform. Das damalige deutsche Theater war zersplittert und neben dem höfischen Theatern existierten Wandertruppen, Schulbühnen und allerlei Firlefanzaufführungen, Fratzen und Zoten auf der Bühne sorgten dafür das das Niveau der Aufführungen sehr gering war. Gottsched nahm Verbindung zu verschiedenen Theatertruppen auf (Hoffmannsche Theatertruppe-später wurde Friederike Caroline Neuber Prinzipalin ) und empfahl die Aufführung von Tragödien oder Lustspielen von etwa  Gryphius . Durch eigene Dramen, die unter tatkräftiger Mithilfe seiner Frau der Lustspieldichterin Luise A.V.Kulmus entstanden , versuchte Gottsched seine theoretischen Überlegungen in die Praxis zu übertragen. Wenn diese Dramen, die sich an einen strengen klassizistischen Regelkodex hielten, der sich später als hemmend erwies, auch keine tiefe Spur in der deutschen Literatur hinterließ so waren diese Dramen doch geeignet als Anregung auf andere Dichter wirksam zu werden . Das Wirken Gottscheds für das deutsche Theater sorgte dafür das deutsche Literatur und deutsches Theater zusammen wuchsen. 
Bei aller Beschränkheit seines Handelns und sein Festhalten an starren Regeln kann man Gottsched als einen Wegbereiter unserer klassischen Literatur bezeichnen. Selbst Lessing, der für die Gedichte Gottscheds nur Spott übrig hatte, wäre nicht in der Lage gewesen so wirksam zu werden wenn nicht Gottsched den Boden dafür vorbereitet hätte.



Leseproben





Ueber den Tod einer Ehegattinn


Im Namen ihres Mannes.

Verlier ich dich aus meinen Armen?
Entweichst du mir, mein andres Ich?
Und trägst du denn, ich bitte dich,
Mit deinem Gatten kein Erbarmen?
Ach liebste Gattinn! andres Herz!
Getreuste Freundinn! edle Seele!
Du stirbst, und deine Todtenhöhle
Quält micht durch unerhörten Schmerz.
Du stirbst! wie kann hier Gram und Pein
Zu heftig und zu zärtlich seyn?

O Muster ungemeiner Frauen,
An Tugend, Anmuth und Verstand!
An der ich das beysammen fand,
Was wir so selten einzeln schauen.
Du stirbst, und machst mich so betrübt!
Mich, dem du stets so werth geblieben,
Mich, der ich mit den reinsten Trieben
Dich mehr, als alle Welt, geliebt;
Du stirbst! ists möglich, daß dein Mann
Dich sterben sehn und leben kann?

Wo sind sie doch, die schönen Zeiten,
Da mir der – – – –
Auch deinetwegen wohlgefiel,
Weil deine Blicke mich erfreuten?
Wie schön war um dein zehntes Jahr

Schon deiner Kindheit muntres Wesen?
Da hatt ich dich mir schon erlesen,
Als ich um deinen Vater war,
Und so viel Rath in seiner Hand,
Als Anmuth an dir selber fand.

Du wuchsest auf an Geist und Gliedern,
Und meine Liebe wuchs zugleich.
Ihr süßen Stunden, könnt ich euch
Die unschuldsvolle Lust erwiedern!
Acht Jahre hatt ich sie gekannt,
Geliebt und inniglich verehret;
Als ich ihr keusches Ja gehöret,
Wodurch ihr Herz sich mir verband.
O daß ein so beglückter Tag
Doch nicht zweymal erscheinen mag!

Doch wie vergeht sich Gram und Sehnen?
Wie? weis ich nicht, daß unser Trieb
Neun Jahre lang gleich zärtlich blieb?
Itzt wirkt er mir die ersten Thränen.
Nein, unsre Liebe nahm nicht ab.
In Freud und Leid, in Lust und Plage
Gab uns der Ehstand heitre Tage;
Nur itzt entseelt mich fast ihr Grab;
Nur itzt, seit dem sie Abschied nahm,
Vergeh ich fast vor Weh und Gram.

Nie hab ich einen Sinn gesehen,
Der das so wenig hochgeschätzt,
Was sonst ein weiblich Herz ergetzt,
Als von der Seligsten geschehen.
Nie hab ich einen Geist gespürt,
Der weniger nach Hoheit strebte,
Der minder an der Wollust klebte,
Den weniger der Geiz gerührt,
Als den, der Tugend und Verstand
In meiner Gattinn Brust verband.

Wie angenehm war nicht im Schreiben,
Ihr ausgelernter deutscher Kiel,
Der auch den Kennern wohlgefiel,
Die selbst der Schreibart Regeln treiben.
Wie reich war nicht ihr Geist geschmückt!
Denn weil ein sinnreich Bücherlesen
Vorlängst ihr Zeitvertreib gewesen:
So ward er fähig und geschickt;
So nahm ihr Witz und kluger Scherz,
Fast jedem, der sie sprach, das Herz.

An statt der Perlen und Juwelen,
Der Nahrung stolzer Eitelkeit,
Gefiel ihr nur ein reinlich Kleid,
Der Schmuck wahrhaftig edler Seelen.
Oft lachte sie die Einfalt aus,
Die sich, um solcher Zierde willen,
Mit Stolz und Hochmuth pflegt zu füllen,
Als wär ihr Leib ein Götterhaus;
Als würd er durch die Phantasey
Dereinst von der Verwesung frey.

So drang ihr Blick, durch Dampf und Schatten,
Bis in den Kern der Wahrheit ein;
So reizte sie kein falscher Schein,
Mit dem sich schwache Seelen gatten.
Sie kroch nicht mit der blöden Zunft
In schnöder Thorheit, Wust und Staube:
Drum war ihr aufgeklärter Glaube
Die Frucht gereinigter Vernunft;
So daß ihr Wesen ganz und gar
Vom Aberglauben lauter war.

Was sag ich von den holden Sitten?
Die waren still und fromm und rein,
Und hatten mir fast ganz allein
Den Geist entzückt, das Herz bestritten.
Was sag ich von der Mildigkeit
Und allgemeinen Menschenliebe?
Durch deren unverstellte Triebe
Sie manchen in der Noth erfreut;
Und die der Wohlthat ganze Frucht
In ihres Nächsten Heil gesucht.

Und wie voll Großmuth war ihr Herze,
Als ihr der stärkste Feind gedroht!
Auch in der letzten Todesnoth
Erschrack ihr Muth vor keinem Schmerze.
O Abschied voller Zärtlichkeit!
O Wehmuth heißer Liebesthränen!
O dörft ich euer nicht erwähnen!
So mehrt ich selber nicht mein Leid;
Das Leid, so mich nur schärfer kränkt,
Je mehr mein Sinn zurücke denkt.

O hätt ich nur ihr letztes Ende
Mit eignen Augen angesehn!
Wer weis, ob ich, wenn dieß geschehn,
Den Gram nicht leidlicher empfände?
Ich hätt ihr noch den welken Mund
Mit meinen Lippen zugedrücket:
Dieß hätte mich vielleicht erquicket;
Dieß machte mich vielleicht gesund.
Doch eitle Hoffnung! Nein, ach nein!
Ich würde nur noch schwächer seyn.

Gerechter Himmel! darf ich fragen,
Warum doch deine Vaterhand,
Die meine Wunden sonst verband,
Mich selber itzt so hart geschlagen?
Kam unser Bündniß nicht von dir?
War ichs nicht werth, so viele Gaben,
Als sie besaß, geliebt zu haben;
Warum verbandst du mich mit ihr?
Und war ichs werth, o harter Schluß!
Wie kömmt es, daß sie sterben muß?

Wo komm ich hin? Mein Geist wird irre!
Ein Thränenstrom ergießet sich;
Der Jammer überwältigt mich,
So, daß ich auch ihr Lob verwirre.
Ach ließe mich des Kummers Macht
Die Ordnung in mein Aechzen bringen,
Die ihr Verstand in allen Dingen
Recht wundernswürdig angebracht:
So müßte wahrlich auch ein Stein
Bey diesem Reim empfindlich seyn.

Erbarmt euch doch, ihr meine Freunde!
Erbarmt euch mein in dieser Noth!
Und wünscht dergleichen herben Tod
Auch nicht aus Rachgier eurem Feinde.
Zwar weis ichs nicht, ob überall
Die Trennung gleichen Schmerz erwecket;
Doch spür ich wohl, was mich erschrecket;
Doch fühl ich meinen Unglücksfall,
Und wünsche das, was mir geschicht,
Auch meinem ärgsten Feinde nicht.

Hier sitz ich nun in meinem Leide,
Verlassen, einsam und betrübt,
Vermisse stets, was ich geliebt,
Bedaure meiner Augen Weide.
Die zarten Pfänder unsrer Eh
Vergrößern mir die tiefen Wunden,
So, daß ich oft zu halben Stunden
Vor Schwermuth unbeweglich steh,
Und nicht vernehme, was man sagt,
Wie dieses hier, dort jenes klagt.

Ach! denk ich, ihr beraubten Weysen!
So sehr ihr zu beklagen seyd,
So macht die Unempfindlichkeit,
Daß ich euch selbst muß glücklich preisen.
Ihr könnt, was ihr so früh verliert,
Zum Theil nur halb, theils gar nicht wissen:
Ich weis, was mir der Tod entrissen,
Ich hab es leider! sehr gespürt;
Und seh es für ein Wunder an,
Daß ich es überleben kann.

Drum ruhe sanft, o meine Fromme,
Und habe Dank für deine Treu!
Dein Bildniß wohnt mir ewig bey,
Bis ich in kurzem zu dir komme.
Herr, der du mir dieß Leid geschickt.
Was bin ich hier viel länger nütze?
Drum bringe mich zu deinem Sitze,
Wo meine Freundinn dich erblickt,
Und laß nach überstandner Pein,
Uns ungeschieden selig seyn.

"Der Poet wählet sich einen moralischen Lehrsatz, den er seinen Zuschauern auf eine sinnliche Art einprägen will. Dazu ersinnt er sich eine allgemeine Fabel, woraus die Wahrheit eines Satzes erhellet.
Hiernächst suchet er in der Historie solche berühmte Leute, denen etwas Ähnliches begegnet ist: und von diesen entlehnet er die Namen, für die Personen seiner Fabel; um derselben also ein Ansehen zu geben. Er erdenket sodann alle Umstände dazu, um die Hauptfabel recht wahrscheinlich zu machen: und das werden die Zwischenfabeln, oder Episodia nach neuer Art, genannt. Dieses theilt er dann in fünf Stücke ein, die ohngefähr gleich groß sind, und ordnet sie so, daß natürlicher Weise das letztere aus dem vorhergehenden fließt; bekümmert sich aber weiter nicht, ob alles in der Historie wirklich so vorgegangen, oder ob alle Nebenpersonen wirklich so, und nicht anders geheißen haben."

Aus: "Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen."


"Sogar die gantz niederträchtigen und pöbelhafften Worte können einem Poeten

nicht gantz verboten werden, wenn sie nur nicht wieder die Erbarkeit laufen. Er
muß ja zuweilen dergleichen Personen redend einführen, die gewiß auf keine
andere Art ihre Gedancken von sich geben können. Der berühmte Spanier,
Cervantes, hat dieses sehr wohl beobachtet, wenn er seinen Sansche Pansa als
einen Bauernkerl gantz abgeschmackt, und in lauter bäurischen Sprichwörtern
reden läst. Und man könnte es daher in Zieglers Banise mit Recht tadeln, daß
Scandor gemeiniglich eben so edel als der Printz Balacin redend eingeführet wird."

Aus: "Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen."









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