2014-01-26

Dichter der Aufklärung: J.C.Günther- Biografie+Leseproben



geboren: 08.04.1695 in Striegau/Schlesien

gestorben: 15.03.1723 Jena


1710
Als Sohn eines Arztes besuchte er besucht das Gymnasium in Schweidnitz. Christian Leubscher unterrichtet ihn in Poetik-und Rhetorik. Hier lernt er Leonore Jachmann kennen.

1712
Günther schreibt zahlreiche Gelegenheitsgedichte. 

1715
Beginn eines Medizinstudiums an der Universität Wittenberg. Schreibt Gelegenheitsgedichte und verdient damit seinen Lebensunterhalt.

1717
Übersiedlung nach Leipzig. Aufgrund hoher Schulden kommt er in Schuldhaft. Der Leipziger Professor J.B.Mencke fördert ihn und versucht vergeblich Günther als Hofdichter an den Hof von August den Starken zu vermitteln.

1719
Günther beginnt ein unstetes Wanderleben. Kehrt in die Heimat zurück und versucht sich mit seinem Vater zu versöhnen der sich wegen seiner Schulden und seinem Leben als Schriftsteller von ihn abgewandt hatte. Trifft sich mit Leonore Jachmann.

1720
Völlig mittellos wandert er nach Lauban. Der Versuch eine Existenz aufzubauen scheitert. 
Er schreibt Klage- und Bittgedichte. Winter: Günther zieht ins oberschlesische Kreuzburg.

1721
Es gelingt ihm eine Arztpraxis zu gründen er verlobt sich mit der Bischdorfer Pfarrerstochter Johanna Barbara Littmann. (Zahlreiche Liebesgedichte. besingt seine Verlobte als Phillis). Da der erneute Versuch sich mit seinem Vater zu versöhnen scheitert verliert er seine Braut. Geht wieder auf Wanderschaft.

1723
Günther stirbt mit nur 27 Jahren in Jena wahrscheinlich an Tuberkulose. 


Werke

alle postum durch die Sammlung seiner Gedichte


Gedichte von Johann Christian Günther. Hrsg. v. Berthold Litzmann. Leipzig ca. 1910 [1. Aufl. 1897]: Reclam (Frühe Leseausgabe, chronologisch angeordnete Auswahl nach Lebensstationen des Dichters)


Sämtliche Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Hrsg. Wilhelm Krämer. Leipzig, Darmstadt u. Stuttgart 1930 ff. (= Bibliothek des Literarischen Vereins Stuttgart). (Diese historisch-kritische Ausgabe kann allerdings nicht als eine solche bezeichnet werden. Unter anderem wurde die Orthographie normalisiert.)

Werke. Hrsg. von Reiner Böhlhoff. Bibliothek der frühen Neuzeit. Zweite Abteilung. Literatur im Zeitalter des Barock. Bd. 10. Frankfurt am Main 1998: Deutscher Klassiker Verlag (Diese Ausgabe bewahrt die originale Orthographie und ist darum bemüht, diese bei fehlenden Handschriften nach historisch-kritischer Methode zu restituieren. Typographische Besonderheiten der Texte werden allerdings auch hier normalisiert. Bewahrt ist die barocke Schreibung der Umlaute.)

Quelle: Wikipedia



Günther wurde in einer Zeit des literarischen Umbruchs vom Barock zur Aufklärung geboren. Langsam entwickelte sich ein neues Lesepublikum das aus bürgerlichen Lesern bestand. Freiberufliche Schriftsteller wandten sich an ein breiteres Publikum und neue Themen beherrschten ihre Werke. 
Allerdings besaßen Dichter eine nur niedrige gesellschaftliche Stellung und ihr Beruf ernährte sie kaum so das er als brotlos galt und nur wenig Anerkennung fand.
Gesellschaftliche Anerkennung fanden nur jene Dichter die an Fürstenhöfen angestellt waren und Verse schmiedeten die ihre Brotherren priesen.
Auch Günther hat eine große Menge konventioneller Gedichte im Zeitgeist geschrieben um Anerkennung als Dichter zu finden. Der Vorwurf seines Vaters und seiner Zeitgenossen, das er ein Faulenzer und Müßiggänger sei, muß den Dichter schwer getroffen haben der Zeit seines nur kurzen Lebens um eine Existenz rang. 

Günther wurde als Sohn eines Arztes geboren und die desolate wirtschaftliche Situation in seinem Elternhaus führte dazu das der Vater ihn unterrichten mußte. Ein Bekannter des Vaters erkannte das aufgeweckte Wesen des Kindes und ermöglichte das der Junge das Gymnasium in Schweidnitz besuchen konnte. Am Gymnasium wurde sein poetisches Talent entdeckt und gefördert und er erlernte die handwerklichen Fähigkeiten eines Dichters. In seiner Zeit am Gymnasium lernte er Magda Eleonore Jachmann kennen die sein weiteres Leben entscheidend beeinflußen sollte. In zahlreichen Liebesgedichten besingt er sie und findet so seinen eigenen dichterischen Ton ohne aber das traditionell Konventionelle zu überwinden. 

Von 1715-1717 studierte er in Wittenberg Medizin. Die Gedichte Günthers müssen schnell bekannt geworden sein denn er wurde schon in dieser Zeit zum Poeten ernannt. (Poeta laureatus) 

Im Jahr 1717 ging Günther nach Leipzig. Die Stadt war ein früher Mittelpunkt der Aufklärung und der Dichter wurde hier insbesondere von Johann Burkhard Mencke gefördert der ihn auch den Zutritt zu den gut betuchten Kreise Leipzigs ermöglichte. 
Die Werke die in Leipzig entstanden beweisen das der Dichter sich den aufklärerischen Gedankengut genähert hatte und er schrieb zahlreiche Gedichte in anekreonischer Manier. Sein Mentor Mencke wollte den Dichter an den Hof August des Starken vermitteln. Doch Günthers vordichten gefiel nicht und er wurde abgelehnt. In dieser Zeit der Erfolglosigkeit und Ablehnung wurde der Dichter vom Heimweh geplagt und er verließ Leipzig um in die Heimat zu wandern.

Günther wanderte nach Dresden und von dort in seine Heimat Striegau. Der Vater lehnte es ab mit seine Sohn zu sprechen da dieser den ehrlosen Beruf als Poet nachging. Da Leonore Jachmann sich nicht in Striegau befand wanderte er nach Breslau. Zwar traf er Leonore in der Nähe von Breslau wanderte aber wieder nach Leipzig da es wahrscheinlich zu einen Konflikt mit seinem Breslauer Hauswirt gekommen war. Günther und ein mitreisender Student erreichten aber nur Loban,  wo er erkrankte und nicht weiter reisen konnte. Obwohl inzwischen völlig mittellos, krank und hungrig, schrieb der Dichter weiter Gedichte.

Einige Freunde halfen ihm und im Juli 1720 kehrte er zu Leonore zurück. Ihr hatte er in der schwersten Phase seiner Krankheit das gegebene Wort zurückgegeben. Noch im Herbst 1720 zog Günther nach Kreuzburg um sich als Arzt eine Existenz aufzubauen.
Die Liebe zu Leonore blieb unerfüllt und L.Jahmann starb unverheiratet und einsam im Alter von 57 Jahren.
In Kreuzburg verlobte sich Günther mit einer Pfarrerstochter  deren Vater als Bedingung für die Eheschließung, die Aussöhnung Günthers mit seinem Vater verlangte. Da sein Vater ihn noch nicht einmal vorließ wurde das Verlöbnis gelöst.
Nach mehreren weiteren erfolglosen Versuchen im Leben Fuß zu fassen verließ Günther Schlesien und wanderte bis nach Jena. Schon krank und schwach starb der Dichter am 15.03.1723 in der Stadt. 

Nur wenige Jahre nach seinem Tod wurde seine Gedichte gesammelt und herausgegeben.
Die Lyrik


Günther gesamtes Werk besteht, außer einem mißglückten Drama, aus Gedichten. Ein wichtiger Teil seines Werkes besteht aus Bitt-und Huldigungsgedichten die er gezwungenermaßen schrieb, um sich eine Existenz aufzubauen. Es ist ein Problem vieler Dichter seiner Zeit, die oft arm und mittellos waren, sich um reiche Mäzene bemühen zu müssen.  Zeit seines Lebens war Günther gezwungen solche Gedichte zu verfassen um sein ärmliches Leben fristen zu können. Trotzdem schuf der Dichter Werke die wegweisend waren und die heute fest zum deutschen Lyrikschatz gehören.
Günther besaß schon nach seiner Schweidnitzer Zeit das lyrische Rüstzeug seiner Zeit um sein "Handwerk" ausführen zu können. Allerdings war der Dichter noch sehr jung und er mußte noch Lebenserfahrung sammeln um als Persönlichkeit und Dichter zu reifen.

Seine Liebe zu Eleonore Jachmann sind eine solche persönliche Erfahrung die ihm zu dem Gedicht "Abschiedsaria" inspirierte. Das Gedicht ist voll persönlichen Empfindens und die vom Dichter genutzten Vergleiche führen beim Leser dazu das der Abschiedsschmerz des Dichters nachvollziehbar und fühlbar wird. Auch wenn das Werk noch Elemente des Barocks enthält ist in dieser Form etwas Neues. Nicht mehr der Auftrag eines Fürsten gaben den Anlass zu der Dichtung sondern ein persönliches Erleben an dem der Dichter den Leser Anteil nehmen läßt waren der Grund. 


In einem anderen Dichtung rechnet Günther mit der zeitgenössischen Dichtung ab die oftmals aus schwülstigen Versen besteht und verlangt das die Lyrik von Gefühl und Wahrheit bestimmt werden sollte. 

In einem anderen Gedicht entwickelt Günther ein nationales Selbstbewußtsein als ein deutscher Dichter 
In einer Ode auf Opitz ("An Herrn Christ. Gotth. Birnbaum") heißt es:


Soll Mars und Amor denn nur einig und allein


Durch römsch- und griechschen Mund der Zeiten mächtig seyn?
Mit nichten; süße Brunst läst sich wie tapfre Helden
Ohn allen Unterscheid in jeder Sprache melden.
Die Künste sind gemein; ein redlich deutsches Blut
Erweckt durch Unterricht die angebohrne Glut,
Und Phoebus läst bereits den Bach der Castalinnen
Durch ganz Germanien mit reichem Strome rinnen.

Gedichte der Lebensfreude sind die sogenannten "Rosetten-Lieder" die wohl auch schon bei ihren Erscheinen vertont wurden. Im Gegensatz zu vielen Gedichten des Barocks, die oft Tod und Jenseits behandeln,  feiert Günther in diesen Gedichten die Diesseitigkeit mit Liebe und Lebensfreude. 

Wer nach unsern Vätern forscht,
mag den Kirchhof fragen:
ihr Gebein, das längst vermorscht,
wird ihm Antwort sagen:
»Nützt das Leben, braucht es bald;
eh die Morgenglocke schallt,
kann die Stunde schlagen!«

Liest man die Gedichte Günthers in chronologischer Reihenfolge ihrer Entstehungszeit werden diese immer kritischer und es finden sich Ansätze einer gesellschaftlichen Kritik. Oft wendet er sich gegen das Hofleben der Fürsten und ihrer Hofschranzen. 


Bei Höfen sinnt man nur auf Mittel,
Einander klug zu hintergehn;
Der flickt fast stündlich an dem Titel,
Der lehrt die Hörner zierlich stehn,
Der dritte wird bei Wild und Jagen
Durch viel Beschwerde selbst zum Vieh,
Und kommt ein Untertan zum Klagen,
So spuckt der fünfte vor das Knie.


Der Dichter muß an den Problemen seiner Zeit stark Anteil genommen haben. In einem Gedicht beklagt er den Zustand Deutschlands und einige der Strophen könnten erst gestern geschrieben worden sein. 

Gerechter Gott, in was vor Zeiten
Gerät nicht unser Lebenslauf?
Der Jammer wacht auf allen Seiten.
Ach ! Deutschland, tu die Augen auf.
Die Laster werden Ruhm und Mode,
Die Jugend wächst in eignem Sode,
Die Greise treiben Büberei............

Oder:

Mein Leben fällt in tolle Zeiten,
Wo niemand mehr als Geld regiert,
Und wo nunmehr bei allen Leuten 
Die Mode fast den Besten schiert.
Mir aber wallt ein Trieb im Herzen,
Der Freiheit liebt, 
Als die mein Geist im Ernst und Scherzen
Sich selber nimmt und andern gibt.

Seine Ansinnen  nach Freiheit in der damaligen Zeit ist jedoch zum scheitern verurteilt da geistliche und adelige Kräfte solchen Forderungen keinen Raum lassen. Vielleicht liegt auch hier ein Grund des tragischen Lebens von Günther.

Am bedeutendsten ist die Liebeslyrik Günthers die in großen Teilen bleibenden Wert hat und auf folgende Dichtergenerationen großen Einfluss ausübte. Seine Gedichte sind voller Sprachkraft und reich an Gefühlen. Abschiedsschmerz, Eifersucht oder Gewissensqualen werden in überzeugender Weise poetisch und glaubhaft besungen.  

Jedoch die Zuversicht, so mein Gemüthe stillt,
Sagt mir, es sey noch nicht der Abend aller Tage;
Weil nun aus Aloë ein Schmerzensmittel quillt,
So hab ich einen Trost in meiner steten Plage.

Mein Engel, meine Lust, mein Leben und mein Licht,

Vor die ich tausenmahl mit Freuden sterben wollte,
Sey munter, unverzagt, entseze dich nur nicht,
Wenn auch die ganze Welt dich scharf verfolgen sollte.

Wir werden dermahleins einander wiedersehn

Und unser Bißchen Brodt in süßer Eintracht speisen;
Ich bin schon halb entzückt und halt es vor geschehn,
Weil Gott und Himmel es mir in Gedancken weisen.


Mutig für seine Zeit macht sich der Dichter in Satiren über die Geistlichkeit lustig. Für sein persönliches unglückliches Leben sucht er, nicht zu unrecht, die Schuld bei Adel und Geistlichkeit.

Man hält nicht Priesterwahl, man hält nur Auction.
Zweyhundert. Achtzig mehr. Die giebt der Nachbar schon.
Sechshundert oben drauf. Zum erst- und lezten Mahle.
Zweytausend voll, schlag zu! Der Herr behalts und zahle.
Hier ists. Den Leibrock her. Nun stimmt Te Deum ein.
Die Glocken schlagen an. Indeßen wird der Wein,
Das Salböl, heimgebracht. Die Väter gehn nach Hause
Und ziehn den Gottesmann zum theurerkauften Schmause.


Oder auch:

Ihr Lügner, die ihr noch dem Pöbel Nasen dreht,
Von vieler Vorsicht schwazt, des Höchsten Gnad erhebet,
Dem Armen Trost versprecht und, wenn ein Sünder fleht,
Ihm Rettung, Rath und Kraft, ja, mit dem Maule gebet,
Wo steckt denn nun der Gott, der helfen will und kan?
Er nimmt ja, wie ihr sprecht, die gröbsten Sünder an:
Ich will der gröbste seyn, ich warthe, schrey und leide;
Wo bleibt denn auch sein Sohn? Wo ist der Geist der Ruh?
Langt jenes Unschuldskleid und dieses Kraft nicht zu,
Daß beider Liebe mich vor Gottes Zorn bekleide?


Günther gehört ohne Zweifel zu unseren größten Dichtern und es ist schade das selbst an Literatur Interessierte nur noch wenig über das Werk des Dichters wissen. Im Gegensatz zu vielen lyrischen Werken des Barocks ist ein großer Teil seiner Gedichte Ich bezogen, und Günther läßt den Leser an seinen Gedanken und Gefühlen teilnehmen. Viele der Gedichte verlangen von den Menschen Anteilnahme am persönlichen Lebensschicksal und Günthers Forderung nach einem von Fesseln befreiten Gefühlsleben, ist ein bedeutender Schritt der seine Vollendung bei Goethe und Schiller fand.  Vorbildlich und wegweisend sein Kampf gegen die Schwülstig-und Formelhaftigkeit barocker Dichtung. 
Viele Dichter der nächsten Generationen beriefen sich immer wieder auf Günther oder äußerten sich lobend über ihn. Das ist sicher kein Zufall denn sie erkannten das der Dichter ein wichtiger Wegbereiter für sie war. 
Leseproben


Abschieds-Aria

Schweig du doch nur, du Helffte meiner Brust!
Denn was du weinst, ist Blut aus meinem Hertzen:
Jch taumle so und hab an nichts mehr Lust,
Als an der Angst und den getreuen Schmertzen,
Womit der Stern, der unsre Leiber trennt,
Die Augen brennt.

Die Zärtligkeit der innerlichen Quaal
Erlaubt mir kaum ein gantzes Wort zu machen:
Was dem geschieht, um welchen Keil und Strahl
Bey heisser Lufft in weitem Felde krachen,
Geschieht auch mir durch dieses Donner-Wort:
Nun muß ich fort.

Ach harter Schluß! der unsre Musen zwingt,
Des Fleisses Ruhm in fremder Lufft zu gründen,
Und der auch mich mit Furcht und Angst umringt,
Welch Pflaster kan den tieffen Riß verbinden?
Den tieffen Riß, der dich und mich zuletzt
Jn Kummer setzt.

Der Abschieds-Kuß verschliest mein Paradiß,
Aus welchem mich Zeit und Verhängniß treiben:
So viel bißher dein Antlitz Sonnen wieß,
So mancher Blitz wird jetzt mein Schrecken bleiben.
Der Zweiffel wacht und spricht von deiner Treu:
Sie ist vorbey.

Verzeih mir doch den Argwohn gegen dich,
Wer brünstig liebt, dem macht die Furcht stets bange.
Der Menschen Hertz verändert wunderlich,
Wer weiß, wie bald mein Geist die Post empfange:
Daß die, so mich in Gegenwart geküßt,
 Entfernt vergißt.

Gedenck einmahl, wie schön wir vor gelebt,
Und wie geheim wir unsre Lust genossen:
Da hat kein Neid der Reitzung widerstrebt,
Womit du mich an Halß und Brust geschlossen:
Da sah uns auch bey selbst erwünschter Ruh
Kein Wächter zu.

Genung! ich muß, die Marter-Glocke schlägt,
Hier liegt mein Hertz, da nimm es aus dem Munde,
Und heb es auf, die Früchte, so es trägt,
Sind Ruh und Trost bey mancher bösen Stunde,
Und ließ, so offt dein Gram die Leute flieht,
Mein Abschieds-Lied.

Wohin ich geh, begleitet mich dein Bild,
Kein fremder Zug wird mir den Schatz entreissen:
Es macht mich treu und ist ein Hoffnungs-Schild,
Wenn Neid und Noth Verfolgungs-Steine schmeissen,
Biß daß die Hand, die uns hier Dörner flicht,
Die Myrthen bricht.

Erinnere dich zum öfftern meiner Huld,
Und nähre sie mit süssem Angedencken:
Du wirst betrübt, diß ist des Abschieds Schuld,
So muß ich dich zum erstenmahle kräncken,
Und fordert mich der erste Gang von hier,
So sterb ich dir.

Jch sterbe dir, und soll ein fremder Sand
Den offt durch dich ergötzten Leib bedecken,
So gönne mir das letzte Liebes-Pfand,
Und laß ein Creutz mit dieser Grab-Schrifft stecken:
Wo ist ein Mensch, der treulich lieben kan?
Hier liegt der
Mann.

Aus den "Rosettenliedern"


Brüder, laßt uns lustig sein,
weil der Frühling währet;
bricht der Jahre Winter ein,
ist die Kraft verzehret.
Tag und Stunde weilen nicht;
dem der keine Rosen bricht,
ist kein Kranz bescheret.

Unser junges Leben eilt
mit verhängtem Zügel;
Krankheit, Schmerz und Gram verweilt,
nur die Lust hat Flügel.
Ob wir hier uns wiedersehn
und wie heut ein Fest begehn,
wer gibt Brief und Siegel?

Wo sind jene, sagt es mir,
die vor wenig Jahren
jung und fröhlich, so wie wir,
voll Hoffnung waren?
Ihre Leiber deckt der Sand,
sie sind weit von hier verbannt,
aus der Welt gefahren.

Wer nach unsern Vätern forscht,
mag den Kirchhof fragen:
ihr Gebein, das längst vermorscht,
wird ihm Antwort sagen:
»Nützt das Leben, braucht es bald;
eh die Morgenglocke schallt,
kann die Stunde schlagen!«
Als er sich über den Eigensinn der heutigen Welt beklagte

Man muß doch mit den Wölfen heulen,
Drum fort, betörter Eigensinn!
Ich will mich in die Leute teilen
Und lachen, wie und wo ich bin.
Ein Sauertopf mag immer schelten
Und unsre Zeit dem Satan weihn,
Denn untersucht er tausend Welten,
Wird keine sonder Mangel sein.

Das ist wohl wahr : Es gibt viel Toren.
Das macht, sie wachsen ungesät,
Und wer nicht schiert, der wird geschoren,
Sobald er nur den Rücken dreht.
Aus Komplimenten und Flattieren
Erkennt man den Politikum,
Will einer nun nicht Hunde führen,
So kehr er stets den Mantel um.

Bei Höfen sinnt man nur auf Mittel,
Einander klug zu hintergehn;
Der flickt fast stündlich an dem Titel,
Der lehrt die Hörner zierlich stehn,
Der dritte wird bei Wild und Jagen
Durch viel Beschwerde selbst zum Vieh,
Und kommt ein Untertan zum Klagen,
So spuckt der fünfte vor das Knie.

In Städten steht es nicht viel besser,
Da herrschen Schwelgerei und Neid,
Man schneidet mit dem großen Messer
Dem Nächsten in sein Ehrenkleid;
Wer uns von vorne grüßt und lecket,
Der spuckt uns über Achseln nach,
Und wer sich nach der Decke strecket,
Den schimpft ein jegliches Gelag'.

Die Weiber sind gar ausgelassen,
Sie tun es frei beim Mondenschein,
So hitzig, daß auf allen Gassen
Die Pflaster ausgeritten sein.
Die Männer folgen dem Exempel,
Kaum riecht was Junges in die Stadt,
So läuft man plötzlich aus dem Tempel,
Zu sehn, wie viel es Keuschheit hat.

Was soll ich von den Mädchen sagen?
Sie sind fürwahr zu tugendreich,
Sie lernen viel aus Demut tragen
Und schämen sich so krank als bleich.
Das macht vielleicht der schlimme Winter,
Der alles in den Gliedern regt.
Doch nein, es steckt noch was dahinter.
Und was denn? Was der Kirchknecht trägt.

Nun sagt mir, soll ich anders leben,
So lacht mich jeder Pinsel aus :
Nach Wahrheit, Zucht und Tugend streben
Baut jetzt fürwahr kein steinern Haus.
Ich mach es so wie meinesgleichen,
Und wer mich drum verdenken will,
Der höre diesen Guten streichen
Und nehm ihn mit und schweige still.
Schreiben an seine Magdalis



Aus Wittenberg, Anno 1716. den 10. Jul.

Wie hör ich das von dir, betrübte Magdalis,
Daß deine Schönheit weint und sich dadurch verzehret?
O trauervolle Post, o allzu harter Riß,
Der mich in kurzer Zeit dem Tode selbst gewähret!

Mein Kind, bedencke mich; was beugstu mir das Herz,
Weil ich erfahren muß, daß mir dein Ohr nicht glaube?
Warum vergrößerstu den ungemeinen Schmerz?
Dein Zweifel zwingt mich fast, daß ich mein Leben raube.

Denn lebt ich nicht vor dich, so sucht ich meinen Tod
Durch Feuer, Meßer, Strick, Stahl, Brunnen, Gift und Degen,
So könt ich meinen Leib, den die entstandne Noth
Von allen Seiten reißt, auf meine Baare legen.

So aber, ob mich gleich des Glückes Misgunst hast
Und alle Wetter sich auf meinen Kopf verschwören,
Ertrag ich mit Gedult die Bürde schwerer Last,
Dir einzig und allein Vergnügung zu gebähren.

Hingegen deine Brust traut mir die Falschheit zu,
Dein Vorwurf sezet mir ein Meßer an die Kehle;
Glaubstu, daß Günther das, was deine Freundschaft, thu,
Von der ich jeden Tag ein neues Unglück zehle?

Mein Kind, eröfne mir: wer hat dein Haupt verrückt?
Hat wohl ein Maul voll Gift das Feuer ausgegoßen,
Das meine Redligkeit in deine Brust geschickt?
Ist deiner Schwester Brief ein angestellter Poßen?

Die Liebe, welche du vergangnes Jahr erkand,
Erduldet nimmermehr, daß sie dein Herz verdencke,
Und fühlestu nicht mehr das fest verknüpfte Band,
In dem ich mich je mehr und mehr verschräncke?

Wo dir ein Tropfen Blut noch in den Adern springt,
Der seine Glut behält und mich sein eigen nennet,
So reiß die Furcht entzwey, die deine Großmuth zwingt,
Und wiße, daß mein Herz noch in der Asche brennet.

Warum soll dich der Gram mir vor der Zeit entziehn?
Womit hab ich verdient, dich blaß und todt zu schauen?
Mir stand der Hofnungsbaum in allem Wetter grün,
Jezt will ihm deine Qual so Stamm als Ast verhauen.

War ich ein Wetterhahn, der ihm die Freude macht,
Wenn er ein Frauenbild durch seine List betrogen,
So wär ich werth, daß mich die Mutter umgebracht,
Eh ich die erste Milch aus ihrer Brust gesogen.

Wo nur des Höchsten Gunst mir diesen Wuntsch verleiht,
So soll der Donner eh mich in die Tiefe stürzen,
Als mein vergebner Schwur durch Unbeständigkeit
Dir, angenehmes Kind, die Lebenslust verkürzen.

Wie manche schöne Nacht sieht mich der blaße Mond
In stiller Einsamkeit am Kummerfaden spinnen!
Ich freße mir das Herz; die Angst, so mich bewohnt,
Läst keinen Augenblick mich Lust und Luft gewinnen.

Das macht, weil Wittenberg mir so zuwider scheint,
Daß mir kein Freudenstern darinnen aufgegangen;
Gott kennet meine Noth; ich habe keinen Freund,
Als den, der über mich dergleichen Qual verhangen.

Jedoch die Zuversicht, so mein Gemüthe stillt,
Sagt mir, es sey noch nicht der Abend aller Tage;
Weil nun aus Aloë ein Schmerzensmittel quillt,
So hab ich einen Trost in meiner steten Plage.

Mein Engel, meine Lust, mein Leben und mein Licht,
Vor die ich tausenmahl mit Freuden sterben wollte,
Sey munter, unverzagt, entseze dich nur nicht,
Wenn auch die ganze Welt dich scharf verfolgen sollte.

Wir werden dermahleins einander wiedersehn
Und unser Bißchen Brodt in süßer Eintracht speisen;
Ich bin schon halb entzückt und halt es vor geschehn,
Weil Gott und Himmel es mir in Gedancken weisen.

Die Mutter, welche dich noch als ein Kind gesäugt,
Soll dann gewis an mir den Schwiegersohn erfahren,
Der als ihr rechtes Kind Lieb und Gehorsam zeigt;
Ihr Alter mehre sich mit lauter Seegensjahren.

Dein Vater lebe so, wie es sein Wuntsch verlangt,
Es müßen Glück und Heil ihm als zwey Sclaven dienen;
Dein Bruder, der bey uns der Künste Fleiß erlangt,
Erhebe seinen Ruhm bis an die Himmelsbühnen.

Ich habe schon genug, bringt mich nur Gott zur Ruh,
Daß ich mit dir, mein Kind, dies Elend bauen könne;
Dein theuerster Besiz sagt mir die Wollust zu,
Die ich in dieser Welt des Himmels Vorschmack nenne.

Der Schwester, die anjezt vor dich den Vorspruch thut,
Soll alles, was sie will, ein gutes Ziel erreichen;
Der Höchste schüze sie mit seiner Gnadenhut,
Sein Engel wolle nie von ihrer Seite weichen.

Und dir, mein andres Ich, thu sich der Himmel auf,
Damit des Glückes Thau auf deine Scheitel regne;
Es komme keine Noth in deinen Lebenslauf,
Bis mir dereinst mit dir mein Augentrost begegne.

Wiltu, daß eine Post von meiner Sterbligkeit
Mit ganz geschwinder Faust an deine Thüren klopfe,
So gräme dich nur ab und wiße, daß dein Leid
Und wiederholtes Ach den Athem mir verstopfe.

Hingegen sehnstu dich nach meiner Wiederkunft,
So mache Geist und Sinn in deinem Herzen munter;
Den Kummer hebt kein Gram, wohl aber die Vernunft;
Verfolgstu deinen Schmerz, so bringstu mich hinunter.

Das Gröste, was ich jezt von dir erbitten will,
Ist, daß mich dein Gebeth dem Himmel übergebe,
Damit sein Eifer mich (hier schweigt die Feder still)
Nach so geraumer Zeit des Zornkelchs überhebe.

Indeßen thu ich stets, was meines Amtes ist:
Ich werde meinen Fleiß an guten Künsten üben
Und dich, so wahr mein Kuß in diese Zeile fliest,
Getreue Magdalis, bis an mein Ende lieben.
Zur Epochenübersicht




Quellen

Erläuterungen zur deutschen Literatur/Aufklärung- Volk und Wissen 1971

R.Haller: Geschichte der deutschen Lyrik vom Ausgang des Mittelalters bis zu  Goethes Tod.
                Francke Verlag1967

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