2014-02-06

Dichter der Aufklärung: B.H.Brockes-Biografie+Leseproben




geboren: 22.09.1680 in Hamburg
gestorben: 16.01.1747 Hamburg



Sohn eines reichen Kaufmanns

1697
Zunächst Privatunterricht und ab 1697 bis 1700 auf dem "Akademisches Gymnasium" in Hamburg.

1700-1702
Studium der Rechtswissenschaften in Halle. Reisen nach Venedig, Rom, Genf und Paris

1705
Erwirbt in Leyden den akademischen Titel eines Lizentiaten. Rückkehr nach Hamburg.

1714
Heiratet und gehört zu den Gründungsmitgliedern der "Teutschübende Gesellschaft". Ab 1717- "Patriotische Gesellschaft"

1721-1748 Sein Hauptwerk erscheint: Gedichtsammlung "Irdisches Vergnügen in Gott"

1728 Stadtrichter ab 1730 Landrichter. Erhebung zum Pfalzgrafen

1735-1741
In Ritzbüttel als Amtmann im Auftrag der Stadt Hamburg

1741
Übersiedelt wieder nach Hamburg wo er am 16.01.1747 stirbt.


Werke

Irdisches Vergnügen in Gott, bestehend in Physicalisch- und Moralischen Gedichten (Gedichte, 9 Bde.), 1721–48.

Zweyter Teil, 1727
Fünfter Theil, 1736
Sechster Theil, 1740
Achter Theil, 1746
Neunter und letzter Theil, 1748



Brockes war ein wohlhabender Privatmann und Kunstkenner der auf seinen Reisen außerhalb Deutschlands mit bürgerlich-fortschrittlichen Gedanken in Berührung gekommen war.

Er hatte 1700 begonnen in Halle Rechtswissenschaft zu studieren und erwarb 1705 einen akademischen Titel in Leyen. Nach kurzer Zeit einer Tätigkeit am Kammergericht in Wetzlar trat Brockes ausführliche Reisen nach Venedig, Rom, Genf und Paris an. Dort sah er die antike Kunst Roms oder bewunderte die Landschaft der Schweiz und beschäftigte sich daraufhin mit Botanik. 

Brockes war ein vielseitig interessierter Mensch und hatte sich mit Musik, Sprachen, Fechten sowie Malerei beschäftigt. Dies und seine Reisen erweiterten seinen Blick und regten ihn an literarisch tätig zu werden. 
Im Jahr 1714 heiratete Brockes und in den folgenden Jahren wurden ihm 12 Kinder geboren.


Zum Anfang seines literarischen Schaffens schrieb Brockes noch ganz im spätbarocken Stil. Seine ersten Gedichte und auch das 1712 veröffentlichte Oratorium "Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus" sind in einem schwulstigen Ton geschrieben wie es für die barocke Lyrik oftmals typisch ist.  Aber schon wenige Jahre später hatte der Dichter diese Phase überwunden. 1715 wurde die "Teutschübende Gesellschaft" gegründet deren Mitbegründer Brockes war und in der überwiegend Gelehrte, die literarische Interessen hatten, als Mitglieder organisiert waren . 
Brockes, der auch Übersetzer war (Pope, Milton, Marino und Thomson) lernte auf diese Weise die fortschrittliche Literatur Europas kennen was dazu Beitrug das seine literarischen Anschauungen sich änderten. 1717 wurde die "Teutschübende Gesellschaft" aufgelöst und der Kern dieser Vereinigung organisierte sich in der "Patriotischen Gesellschaft", die mit der Herausgabe einer Wochenschrift größeren Einfluss auf das Kulturleben der bürgerlichen Schichten in Deutschland ausübte. 
Nach einem mehrjährigen Aufenthalt auf dem Landgut seiner Schwägerin nahm Brockes 1835 die Funktion eines Statthalters in Ritzebüttel an. 1741 kehrte er nach Hamburg zurück wo er zahlreiche Ehrungen erhielt und als Bürger und Dichter geachtet bis zu seinem Lebensende am 16.01.1747 gelebt hat.

Lyrik: "Irdisches Vergnügen in Gott"


Die Gedichtsammlung "Irdisches Vergnügen in Gott" ist Brockes Hauptwerk und erschien 1721 bis 1748 in insgesamt 9 Bänden. Zwar ist das Werk für heutige Leser als Gesamtwerk wohl nicht mehr zumutbar aber es ist als Literaturhistorisches Zeugnis von einiger Bedeutung weil es alle Merkmale der frühen Aufklärung in Deutschland enthält. 
Breite Kreise des Bürgertums begannen sich in dieser Zeit von den dogmatischen Denkweise der Religion zu befreien und sich der Wissenschaft zu öffnen. Brockes Werk setzt dort an ist aber  kein in sich geschlossenes religiöses System und enthält neben neuen Sichtweisen auch Altes und Überkommenes. Das Werk in sich ist  widersprüchlich und schon fortschrittliche Positionen werden im nächsten Gedicht wieder aufgegeben. Trotzdem zeigt die Gedichtsammlung eine typische Erscheinung der damaligen Zeit, die darin besteht, das die kritische menschliche Vernunft im Widerspruch zu den damaligen Lehren der Kirche steht. Brockes selber ist religiös aber seine religiöse Sichtweise ist frei  von dogmatischen Zügen und von einiger Toleranz gekennzeichnet. Er vertritt die Auffassung die Genüsse und Gaben des Lebens zu genießen, natürlich nur dann, wenn man darüber Gott nicht vergisst und sich die Genüsse innerhalb der gegebenen Moralauffassungen bewegen. 
Die fast ganze Sammlung beschäftigt sich mit der "Schöpfung" (Weltanschauungslyrik) und in der Naturlyrik des Dichters kommt vielleicht am deutlichsten seine Sichtweise zum Ausdruck. 


Unsers Himmels schönste Stelle,

Großer Mittelpunkt des Lichts,
Farbenvater, Freudenquelle,
Geist und Seele des Gesichts!
Billig sollte keiner leben, 
Der in dir nicht Gott erheben
Und des Schöpfers Macht und Ehr`
Stets zu rühmen schuldig wär.


Ein weiteres Beispiel:

In dieser holden Frühlings-Zeit,
Da alles voller Glanz und neuer Herrlichkeit,
Trat ich, gerührt durch solchen Schein,
In Frommholds schönen Garten ein,
Woselbst in reinem Schmuck die saftigen Bäume blühten,
Woselbst in bunter Glut der Floren Kinder glühten.
Ein jeder Vorwurf war recht unvergleichlich schön,
Recht herrlich anzusehen.
Ein Balsam-reicher Duft
Erfüllte die laue Luft.
Das Wasser schien bemüht, mit tausend bunten Bildern
Die glatte Fläche zu beschildern.
Man sah mit Lust die schattigen Alleen
Im gelblich-grünen Schmuck der jungen Blätter stehen.
Auf manchem Pomeranzen-Baum
Fand ich mit ungemeinem Prangen
Bei Silber-Weisser Blüht fast güldene Äpfel hangen,
Und kurz, mein Auge konnte kaum
Sich satt an solcher Schönheit sehen..........................................

Die Bewunderung für die Natur, so Brockes, ist die Pflicht der Menschen und geschieht zum Ruhme Gottes der ihr Schöpfer ist.  Brockes Naturlyrik, insbesondere die der Landschaft haben für das Schaffen anderer Dichter eine große Vorbildwirkung erlangt und kein Gegenstand in der Natur ist ihm zu klein um nicht von ihm auf oft liebevolle Weise geschildert zu werden.  Zwar haben sich schon im Barock Dichter wie z.b Martin Opitz mit der Schilderung der Natur beschäftigt aber in vielen dieser Gedichte wird eher über die Natur reflektiert als wirkliches Naturerleben dargestellt. Brockes Verdienst ist es echtes Naturerleben und Naturbeobachtung zum Mittelpunkt vieler seiner Gedichte zu machen die so richtungsweisend wurden. 

Als eine Anklage gegen den Krieg können die Heldengedichte verstanden werden indem der Dichter den Begriff des Helden in Frage stellt. Die Zerstörung, die Schmerzen der Verwundeten werden in bildhaften und eindringlichen Versen geschildert die das Ergebnis des Wirkens solcher "Helden" sind.

Ein Räuber, Blut-Hund, Uebelthäter,
Der gröste Wüterich der Welt,
Ein Mörder, Stadt- und Land-Verräther,
Wo er dein Günstling; heisst ein Held.

Wer glücklich raubt, thut Wunder-Wercke.
Man heist Betriegen, Trotz, Gewalt,
Anitzo Klugheit, Großmuth, Stärcke,
Hat man nur dich zum Rückenhalt.

Allein ob du und das Gerüchte
Die Krieger noch so sehr erhöhn:
Lasst uns doch, bey der Wahrheit Lichte,
Den, der nichts als ein Held, besehn.
Leseproben


Die Welt ist allezeit schön

Im Frühling prangt die schöne Welt
In einem fast smaragdnen Schein.
Im Sommer glänzt das reife Feld
Und scheint dem Golde gleich zu sein.

Im Herbste sieht man als Opalen
Der Bäume bunte Blätter strahlen.

Im Winter schmückt ein Schein, wie Diamant
Und reines Silber, Flut und Land.

Ja kurz, wenn wir die Welt aufmerksam sehn,
Ist sie zu allen Zeiten schön.
Helden-Gedichte

Du nur im Wechsel standhafts Glücke,
Wie lange blendet uns dein Schein?
Wie lange sollen deine Tücke
Geehrt, ja angebetet, feyn?

Du sähest uns, mit güd'nen Hamen,
Durch allgemeine Zauberey;
Du raubst der Tugend Würd' und Namen,
Und legest sie den Lastern bey.

Ein Räuber, Blut-Hund, Uebelthäter,
Der gröste Wüterich der Welt,
Ein Mörder, Stadt- und Land-Verräther,
Wo er dein Günstling; heisst ein Held.

Wer glücklich raubt, thut Wunder-Wercke.
Man heist Betriegen, Trotz, Gewalt,
Anitzo Klugheit, Großmuth, Stärcke,
Hat man nur dich zum Rückenhalt.

Allein ob du und das Gerüchte
Die Krieger noch so sehr erhöhn:
Lasst uns doch, bey der Wahrheit Lichte,
Den, der nichts als ein Held, besehn.

Den, sag' ich, der, aus blossem Kitzel,
Ohn' Ursach' an zu kriegen hebt,
Und, nur durch Brand und durch Scharmützel,
Nach einem grossen Namen strebt.

Ich finde nichts, als Grausamkeiten,
Trotz, Hochmuth, Ungerechtigkeit,
Geitz, Bosheit, Neid (die Pest der Zeiten)
Verrätherey, Verwegenheit.

Von solchen Spornen wird getrieben
Ein kriegerischer Helden-Muth.
Da schon't er denn, in Stich- und Hieben,
Nicht sein, noch minder andrer, Blut.

Ja, daß im eintzelnen Gefechte
Das Morden nicht zu sparsam wär';
Dingt er viel tausend Schlachter-Knechte,
Die metzeln dann zu seiner Ehr'.

Und zwar nicht Schafe, Schweine, Rinder
Zur Nahrung dem erhitzen Zahn;
Nein seines gleichen, Menschen-Kinder
Ja gar, die nie ihm Leid gethan.

Aus solchem frechen Blut-Vergiessen
Soll dem nun, der nie Mörder hält,
Ein Krantz von Palm- und Lorbern spriessen?
O Zeit! o Sitten dieser Welt!

Wird-wohl mit Recht erhoben,
Der Teutschland zu verheeren sucht?
Sollt' ich an Alexandern loben,
Was man am Attli verflucht?

Ich sollte Morden, Würgen, Brennen,
Und Hausen, wie kein Türcke thut,
Bewundern, ja fast heilig nennen
die Hand, die roth von meinem Blut!

Was ist doch eurer Großmuth Zeichen,
Ihr Helden, die ihr immer kriegt?
Zerstöhr'te Städte, tausend Leichen,
Ein Land, drauf Schutt und Asche liegt.

Das Erdreich naß von Blut und Thränen,
Das Wasser durch die Gluht verseigt,
Die Luft voll Seufzen, Klag' und Stehnen,
Das Alter gantz von Leid gebeugt.

Die Jugend nackt und unerzogen,
Der Eh-Mann lahm, das Weib entehrt,
Die Häuser in die Luft geflogen,
Ist das nicht Lob- und Rühmens wehrt?

Sind denn die trefflichen Geschöpfe,
Die Menschen, dazu nur gemacht,
Daß um vier, fünf erhitzte Köpfe
Man sie, wie Ochsen, wieder schlach't?

Erwegt, ihr Götzen dieser Erden,
Daß ihr, trotz Moloch, Blut verschlingt:
Da man, die euch geopfert werden,
Nicht jung, erwachsen, zu euch bringt.

Wen schrecket nicht der Römer Freude,
Und wer verfluch't nicht ihre Lust,
Wann sich, zu ihrer Augen-Weide,
So mancher Mensch ermorden must'?

Wann sie so viele würgen liessen
Bey jedem Gast- und Freuden-Mahl,
Und das das schönste Schau-Spiel hiessen,
Je grösser der Erwürgten Zahl.

Ihr Bestien! Doch halt, ich schweige,
Und schelte diese Mörder nicht,
Weil, was ich hier Abscheulichs zeige,
Auch unter Christen noch geschicht.

Wie? werden hier die meisten sagen:
Wer würgt itzt Menschen bloß zur Lust?
Ich spreche: Wenn Armeen schlagen,
Aus Ehrgeitz in der Helden Brust.

Mein Tod ist ja nicht minder herbe,
Ob ich, wann ich doch sterben muß,
Aus Ehrgeitz oder Wollust sterbe.
Nun mach' ein jeder selbst den Schluß.

Ja, wer kann noch die Plagen zählen,
So die Verwundten dann erst drückt,
Wenn man sie in den Hospitälen,
Des Morgens nach der Schlacht, erblickt.

Wo man so viel zerfleischte Glieder,
So viele halbe Menschen sieht,
Wo noch im Blute hin und wieder
Manch lebend Aas sich schleppend zieht.

Wie alles in der Mörder Höle
Vom warmen Menschen-Blute raucht,
Wo mancher die gequälte Seele,
In tausend Schmertzen, von sich haucht.

Wo Wund-Aertzt', Hencker möcht' ich sagen,
So manchen gantz zerkerbten Leib
Durch Brand und Trepaniren plagen,
Recht als zu ihrem Zeit-Vertreib.

Ja weil man sie, nach Stücken, lohnet,
So viel ein Arm, ein Aug', ein Bein:
So ist kein eintziger, der schonet;
Sie schneiden alle frisch darein.

Sollt' hier ein Welt-Bezwinger sehen,
Die schönen Früchte seiner Ehr';
Ich gläub', er müst' einst in sich gehen,
Und wär' er wilder, als ein Bär.

So aber mag die Welt verbrennen;
Die Erde selbst zu trümmern gehn!
Nur daß man ihn mag tapfer nennen;
Lässt es ein Held mit Lust geschehn.

Allein, wer nennt Verheeren Siegen?
Wer heisset Rasen Tapferkeit!
Wer machet unter Raub und Kriegen
Nicht den geringsten Unterscheid?

Verfluchte Schmeichler! eure Zungen
Sind ärger, als der Mörder Schwerdt.
So oft ihr ihre Wuth besungen,
Habt ihr, nicht sie, die Welt verheert.

Ihr reitzet sie, ihr macht sie rasen;
Durch euer Loben wächst die Wuth;
Ihr giesst, wenns Feuer angeblasen,
Durch Ruhm, stets Oel in diese Gluht.

Ihr Furien der Erde, dencket:
Daß eurer Natter-Zungen Gift
Die Welt in Gluht und Blut versencket,
Wenn ihr, durch Schmeicheln, Kriege stift't.

Wie mancher Fürst regiert' im Frieden,
In stoltzer Ruh' und Ueberfluß,
Der itzt, weil er nicht euch vermieden,
Aus Noth ein Räuber werden muß?

Der, weil der Feind, wie er geglaubet,
Sich nicht berauben lassen wollt',
Anitzt sein eigen Volck beraubet,
Zu zahlen seiner Schlachter Sold.

Denn kurtz: Ein Fürst, der Kriege liebet,
Und an der Helden-Seuche liegt,
Verheert sein Land, das stets betrübet,
Arm, wenn er weicht; arm, wenn er siegt.

Ach hätten wir den Witz zum Führer,
Wir fänden, und gestünden frey:
Daß auch der beste Musketirer
Ein ungeschickter König sey.
Die Traubenhyazinthe

Angenehmes Frühlingskindchen,
Kleines Traubenhyazinthchen,
Deiner Farb und Bildung Zier
Zeiget mit Verwundrung mir
Von der bildenden Natur
Eine neue Schönheitsspur.
An des Stengels blauer Spitzen
Sieht man, wenn man billig sieht,
Deiner sonderbaren Blüt
Kleine blaue Kugeln sitzen,
Dran, so lange sich ihr Blatt
Noch nicht aufgeschlossen hat,
Wie ein Purpurstern sie schmücket,
Man nicht sonder Lust erblicket.
Aber wie von ungefähr
Meine Blicke hin und her
Auf die offnen Blumen liefen,
Konnt ich in den blauen Tiefen
Wie aus himmelblauen Höhen
Silberweiße Sternchen sehen,
Die in einer blauen Nacht,
So sie rings bedeckt, im Dunkeln
Mit dadurch erhöhter Pracht
Noch um desto heller funkeln.
Ihr so zierliches Gepränge,
Ihre Nettigkeit und Menge,
Die die blauen Tiefen füllt,
Schiene mir des Himmels Bild,
Welches meine Seele rührte
Und durch dieser Sternen Schein,
Die so zierlich, rein und klein,
Mich zum Herrn der Sterne führte,
Dessen unumschränkte Macht
Aller Himmel tiefe Meere,
Aller Welt- und Sonnen Heere
Durch ein Wort hervorgebracht;
Dem es ja so leicht, die Pracht
In den himmlischen Gefilden
Als die Sternchen hier zu bilden.
Durch dein sternenförmig Wesen
Gibst du mir, beliebte Blume,
Ein' Erinnerung zu lesen,
Daß wir seiner nicht vergessen,
Sondern in den schönen Werken
Seine Gegenwart bemerken,
Seine weise Macht ermessen
Und sie wie in jenen Höhen
So auf Erden auch zu sehen.


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