2015-10-31

F. Gundolf: "Goethe"- Biographie- Theorie und Schaffen Seite 113



THEORIE UND SCHAFFEN

Goethes Produktion zwischen der italienischen Reise und dem Bund mit Schiller, von etwa 1790—1794, ist nur Übergang, Verlegenheit und Abwehr, sie ist unmittelbar oder mittelbar bestimmt durch Goethes Stellung gegen ein nicht aus seinem Leben sich ergebendes, für ihn zufälliges, äußeres, aber doch unausweichbares Weltereignis das er noch nicht innerlich bewältigt hatte und das ihn doch zum Verarbeiten aufregte. Nie war Goethe weniger Dichter als in diesen Zwischenjahren, nie war er mehr geneigt die gewaltigen Dichterkräfte ganz in Forschung, namentlich Naturforschung überzuleiten. Ohne eine Leidenschaft von innen und ohne ein Publikum von außen das seinen gesteigerten Ansprüchen genügt hätte, ganz Klarheit und Bestreben, suchte er Trost und Befriedigung in immer tieferer Erkenntnis des Alls, in einem amor intellectualis Dei mit der Selbstgenügsamkeit des Spinoza. Er war, freilich mit tiefer Resignation, auf dem Weg zu einem solchen Ideal der bloßen Erkenntnis:

Mit Botanik gibst du dich ab? mit Optik? Was tust du?
Ist es nicht schönrer Gewinn, rühren ein zärtliches Herz?
Ach, die zärtlichen Herzenl Ein Pfuscher vermag sie zu rühren.
Sei es mein einziges Glück, dich zu berühren, Naturl 

Dies ist fast eine Absage an das Dichtertum . . und gleichfalls weniger einen Dank an das Schicksal als eine Selbstbescheidung in den äußeren Grenzen seiner Existenz enthält das Venezianische Epigramm 34 a. Niemand dürfte darin den Dichter des Faust wiedererkennen, niemand den Dichter der Verse über die Gaben der Götter. Wäre wirklich dies Venezianische Epigramm der Ausdruck der Goethischen Gesamtgesinnung und-wünsche geblieben, nicht nur eines Moments friedlicher Ermattung, so hätte er weder den Faust vollendet noch die Wahlverwandtschaften geschrieben.

Aber Goethes Bildnertrieb war mächtiger als seine Kontemplation: mit der bloßen Einsicht in die Geheimnisse des Alls war ihm auf die Dauer nicht gedient, er mußte gestalten, und eher vergriff er sich in dem Material der Gestaltung, wie in den Revolutionsdramen, als daß er sich ganz mit dem Denken, Forschen und Wissen zufrieden gegeben hätte. Die freudige Wiederbelebung seines stockenden, doch rastlosen Bildnertriebs dankte er Schiller: doch der Goethe den Schiller der Dichtung zurückeroberte war bereits ein mit Wissenschaft durchtränkter, nicht mehr der ursprüngliche Nursdichter des Werther und des Urfaust, sondern ein universeller Geist dem damals das Dichten nicht mehr die einzige und notwendige Ausdrucksform war, sondern eine neben andren, ja vielleicht nur Mittel zur Verdeutlichung seines Weltwissens, ein Bildungsmittel. An den Dichtungen Goethes die durch die Gemeinschaft mit Schiller entstanden sind hat die Theorie sei es schon bei der Empfängnis, sei es bei der Ausarbeitung größeren Anteil als in irgendeiner andren Periode Goethischen Schaffens.

Für die ästhetische deutsche allgemeine Bildung, vor allem für die Schulbildung ist das Zusammenwirken Goethes und Schillers die eigentlich grundlegende Epoche geworden — und nicht unbedingt zum Nutzen. Die meisten falschen Begriffe von Dichtung die im Deutschunterricht, selbst in der Literaturgeschichte und Ästhetik bis heute spuken, besonders der Wahn, Dichtung sei ein Machen, eine Vermittlung von Lehren oder Kunstgriffen, bestärken sich daraus daß Goethe und Schiller zusammen theoretisch dichteten. Man übersieht daß sie trotz dieser kunsttheoretischen Experimente, nicht durch sie ihre Meisterwerke schufen, kraft eines vitalen Bildnertriebs, dem auch ihre Theorien nichts anhaben konnten, wobei gar nichts darauf ankommt ob die Theorien richtig oder falsch sind. Ihre Werke sind dichterisch, nur weil und soweit sie über ihre Absicht hinaus, aus einem ihnen selbst verborgenen Leben heraus schrieben. Was Goethe und Schiller damals schaffen wollten hätte nur zu einem geläuterten Alexandrinismus geführt, einer gebildeteren Art Opitzerei und Gottschedtums mit weiterem Horizont und tieferen Einsichten. Und ohne Frage ist das Epigonentum nach Goethe und Schiller schlimmster Alexandrinismus, nämlich Bildungspoesie auf Grund von Bildungspoesie—von früheren Alexandrinismen, etwa der Poesie des Augustischen Zeitalters, dem Petrarkismus und dem französischen Klassizismus, zu seinem Nachteil dadurch unterschieden daß schon ihr Ausgangspunkt nicht der naive Ausdruck einer festen Gesellschaftsordnung war, eines wenn auch schon gebildeten, vielleicht überbildeten Kulturniveaus, sondern die Nachahmung von Dichtungen welche zu bewußten Bildungszwecken verfaßt waren, verfaßt allerdings von wirklichen Dichtern.

Wir können heute, sofern wir aus dem Epigonentum herausgetreten sind, das zum Teil noch immer die Schulbegriffe beherrscht, erkennen welcher Grundirrtum hier vorliegt: die Verwechslung zweier ganz verschiedener Einsichtsarten, Wissensarten: der allgemeinen theoretischen Einsicht in Sinn und Wesen der Kunst, und der schöpferischen Einsicht des jeweils Gestaltenden für seine jeweilige Gestaltung. Gewiß schafft der große Künstler nicht dumpf instinktiv, sondern mit dem hellsten Wissen vom Notwendigen und Zweckmäßigen. Diese Einsicht hatten die Klassiker und die Romanfiker der bequemen Sturm - und-drangmeinung abgerungen, Dichtung sei ein dumpfes Auslaufenlassen der inneren Fülle. Aber dann begann die Verwechslung der verschiednen Wissensarten. Der große Künstler schafft nicht aus dem Wissen um Dagewesenes, sondern um das zu erschaffende Neue, wozu er die Regeln durchaus nirgends finden kann als im dringlichen Einzelfall. Die theoretische Einsicht bezieht sich auf die Kunst, die schöpferische nur auf das jeweilige Kunstwerk, die theoretische ist abstrakt, abgezogen aus der geschichtlichen oder persönlichen Erfahrung, die schöpferische wird mit dem zu schaffenden Werk, durch den Kunstakt erst geboren. Die theoretische Einsicht läuft dem Schaffen entgegen, ist Kritik von außen, die schöpferische läuft in der Richtung des Schaffens, ist Gliederung von innen. Zwar kann der Dichter außer seiner jeweiligen schöpferischen Einsicht eine große theoretische immer bereit haben: aber während er schafft muß diese schweigen, darf nur seine schöpferische Einsicht reden. Je mehr sein theoretisches Wissen, seine historischen Kenntnisse und ästhetischen Grundsätze dazwischen reden, desto weniger schöpferisch ist der eigentliche Kunstimpuls, desto unlebendiger ist das Werk. Je schöpferischer der eigentliche Dichtertrieb ist desto weniger wird er die theoretische Einsicht während des Schaffens zu Atem kommen lassen. In der Weißglut des Schaffens verdampft alle Theorie. Goethe war zu der Zeit seines Bundes mit Schiller und durch diesen Bund selbst nicht mehr primär schöpferisch genug, in jenem Sinn wie Shakespeare und wie er selbst in andren Zeiten seines Lebens, um seine überwältigend breite und tiefe theoretische Einsicht in das Wesen der Kunst während seiner Produktion ganz zum Schweigen bringen zu können: sein Kunstwissen redet seiner Schöpferschau meistens während der Produktion hinein, übertönt seine schöpferische Einsicht für den vorliegenden Fall mit allgemeinen Anweisungen, oder führt gar allein das Wort. Dies allgemeine Kunstwissen ist also während der Produktion nicht ein Vorzug, sondern eine Belastung, und Goethes und Schillers Bildungsgedichte sind selbst künstlerisch, d. h. als Gestaltung des Lebens geringer, weil zwiespältiger als etwa Shakespeares Werke, dem jene theoretische Einsicht abging, also auch nicht am falschen Platz dazwischen redete. Shakespeare wußte nur, und das vollständig, was er in jedem vorliegenden Fall zu tun hatte, Goethe und Schiller auch was sie in jedem möglichen Fall zu tun hätten, sie waren während der Produktion oft bedenklich welchem von den möglichen Fällen der gerade vorliegende einzuordnen und nach welchem Rezept er zu behandeln sei, ja sie fragten sich sogar welcher Fall jeweils zu behandeln sei. Der Unterschied zwischen der theoretischen und der schöpferischen Einsicht ist etwa der zwischen einem großen Staatsmann und einem Staatsphilosophen. Ein Staatsmann der auf Grund staatswissenschaftlicher Einsichten Politik machen wollte, würde keine großen Taten verrichten, wieviel solcher Einsichten er auch besitzen mag.

Im Schaffen wurde also auch Goethe durch seine Ästhetik eher gehindert als gefördert. Nur darf natürlich das Mitreden oder Vorwalten der Ästhetik in den klassizistischen Dichtungen nicht als Ursache für deren relativ geringere Lebensfülle betrachtet werden, nur als Symptom. Weil Goethes Lebenskraft jetzt schon in eine ungeheure Breite investiert war, weil er das mals mehr „theoretischer“ als „dionysischer“ und „apollinischer“ Mensch war, konnte jene urlebendige Stoßkraft seinen Werken nimmer innewohnen, mußte sein theoretisches, allerdings aus der Vitalität erwachsenes, aber da* mals von ihr emanzipiertes Denken in seinen Gebilden zur selbständigen Geltung kommen.



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