2015-12-30

W. Bode: Goethe in vertraulichen Briefen... 09.07.1795 Friedrike Brun in ihrem Tagebuch (644)



9. Juli

Karlsbad. Friedrike Brun in ihrem Tagebuch

Friederike Brun, geborene Münter, eine zarte deutsche Dichterin, war die Gattin eines reichen und derben Kopenhageners Kaufmanns. Sie lebte viel im Auslande; jetzt hielt sie sich mit ihren Kindern und einem Hauslehrer auf der Reise nach Italien in Karlsbad auf.

9. Juli. Abends brachte mir die brave Göchhausen den Goethe. 

Anspruchsloser, wie er es ist in seinem Reden und Schweigen, in seinem Gehen und Stehen, ist es unmöglich zu sein. Sein Gesicht ist edel gebildet, ohne gleich einen innern Adel entgegenzustrahlen; eine bittere Apathie ruht wie eine Wolke auf seiner Stirn. Bei einem schönen, männlichen Wuchs fehlt es ihm an Eleganz und seinem ganzen Wesen an Gewandtheit. Ist das der Günstling der Musen und Grazien? Dies der Schöpfer des „Tasso“, des „Egmonts“ und der „Iphigenia“, des „Werthers“ und „Götz“, des „Faust“ und ach! der Sänger jener herzempörenden und herzstillenden, jener sanft einlullenden und aufschreckenden Lieder? Ich sah nur den Verfasser des „Wilhelm Meister“ diesen Abend, und auch der ist aller Ehren wert.

Da faßte mich bei einem Gedanken, aus dem der seinige zurückstrahlte, plötzlich sein Flammenauge, und ich sähe ,,Fausts“ Schöpfer! Ich sehe ihn seitdem täglich und versäume keine Gelegenheit, ihn zu sehen. 

Anfangs quälten mich seine Blicke, die ich immer auf mir und an mir empfand, wenn ich ihn nicht ansah, und die dann die des forschenden Beobachters waren; und des Beobachters ohne Hoffnung und Glauben an reinen Menschenwert, der nur neue Gestalten zu seinen lebenvollen Gemälden sucht und in die Welt sieht wie in einen Guckkasten. 

Gestern und heute ist er sehr liebenswürdig und traulich gewesen, und ich habe zuweilen den Werther und Egmont hervorleuchten sehen. Ob ich den Tasso und die Iphigenia erblicken werde? Das Glück hat ihn verzogen und die Weiber. Er hat geschwelgt, ohne zu genießen; genommen, ohne zu geben. Ob es in seinem Herzen der reine Ton der Liebe wieder erklingen wird? 

Er hat viel geredet und immer, als ob’s halb im Scherz wäre, aber im bittern Scherz herrliche Sachen gesagt über Kunst, Epigramme, Elegisches, Improvisieren, Liebe als Mittel zum Zweck, über Hoffnung, die in ihm erstorben ist, von seiner äußersten Empfänglichkeit durch Phantasie bei Gelegenheit der Kupfer zu Wielands Werken. Ärgerlich ist’s, daß er seine Paradoxe, wenn man ihm drüber zu Leibe geht, oft mehr wie halb zurücknimmt, so daß sie darüber nicht selten zu Gemeinplätzen werden ... 

Ich gerate immer mit dem Goethe in sehr lebendige Unterhaltung... Er öffnet mit viel Bonhomie sein Inneres, in dem sich mir ein reicher Fonds von Wahrhaftigkeit und Billigkeit offenbart. Übrigens war er heut... schrecklich paradox, und ich ergrimmte über sein Wegwerfen der Erinnerung — „die Gegenwart ist die einzige Göttin, die ich anbete“, sagte er —, über seinen Unglauben an intellektuelle Freundschaft. Freundschaft werde durch Verhältnisse genährt (daß sie aus Sympathie entstünde, gab der Sünder doch zu), und wenn diese sich änderten oder aufhörten, stürbe sie Hungers. Ich ward zur Salzsäule! Da kam die Rede vom seligen Moritz, mit dem er viel in Italien gelebt, und da war er so weich und gut und lobte und bedauerte den Moritz so aus meinem Herzen heraus, daß ich ihm hier alles verzieh. 

Einmal sagte er: „Niemand hat Mitleiden mit mir, wenn ich klage.“ Es war Scherz; ich sagte ihm ernst: „Ich habe bei manchem Ihrer Lieder inniges Mitleiden empfunden.“ — „O ja, ich war wohl unglücklich in diesen Augenblicken, aber dergleichen muß man abschütteln.“ — „Nein, nicht abschütteln! Durch Arbeiten und in sich zur Heiterkeit verwandeln!“ sagte ich. Denn seine Gleichgültigkeit ohne Heiterkeit und daß er schon so ganz mit den Menschen abgerechnet hat, ist mir schrecklich.

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