2016-06-29

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Zelter 09.08.1816 (257)



256. An Zelter 09.08.1816

Dein zweiter lieber Brief liegt nun auch vor mir, und ich schreibe gleich. Eh’ ich mich gefaßt hätte, wollte ich nichts sagen: denn ich war über die gehäuften Übel doch ein wenig auseinander. Nun aber geht’s wieder ins Klare und Glatte. Meyer ist beinahe geheilt und wieder bei mir. Das Bad bekommt mir sehr wohl, es ist ein Schwefelwasser, das sich dem Weilbacher nahezu vergleicht. Es wird gebadet und getrunken. Der Ort ein heitres Landstädtchen, nach sächsischer Art. Sehr anmutig gelegen. Auf den nächsten Höhen sieht man den Ettersberg und Inselsberg, man findet sich recht mitten in Thüringen. Auch gelingt mir manche Arbeit. Unser Rochusfest von 1814 ist so gut als fertig. Es soll den zweiten Heft beleben. Ich möchte Dir es gern vorlegen, daß es recht vollständig würde. Einiges mag mir entgangen sein.

Daß Du meine Ableitung der neuen Kunst aus der alten so freundlich aufnimmst, freut mich sehr. Ich bin mir überzeugt, einen guten Grund gelegt zu haben. Dein Parallelism mit der Musik ist sehr willkommen.

Byzanz steht für Konstantinopel, es ist der alte Name, paßt besser in den Stil und wird in Sachen der bildenden Kunst gewöhnlich gebraucht.

Schreibe mir doch den skizzierten Parallelismus etwas ausführlicher fürs zweite Heft, damit das Fruchtbare solcher Ansichten erscheine. Denn die lieben Deutschen kenn’ ich schon: erst schweigen sie, dann mäkeln sie, dann beseitigen, dann bestehlen und verschweigen sie.

Soeben erhalt’ ich auch von Jena vier erste Aushängebogen der »Italienischen Reise«. Der erste Brief datiert den 3. September 1786. Was sagst Du dazu?

Mir ist es wundersam und rührend zu sehen, was wir für arme Narren sind, die wir es so bitter ernst nehmen, und doch sind wir im besten Sinne Narren in unsern Sack. Und nun lebe wohl! Plane mag ich nicht machen. Unter vier Wochen geh’ ich hier nicht weg, wenn mich der Engel des Herren nicht beim Schopfe faßt. Wo möglich laß uns auf Deiner Rückkehr Zusammentreffen.

Tennstedt, den 9. August 1816. G.

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