2016-06-29

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 22.08.1816 (259)



258. An Goethe 22.08.1816

Heidelberg, den 22. August 1816. 

Ein Antikritikus, Kanne, glaub’ ich, heißt der große Mann, hat eine meiner vor vielen Jahren geschriebenen Rezensionen angezapft, daß darin sei, was nicht im Werke wäre, und daß man durch Deduktionen solcher Art in jedes Werk legen könne, was man wolle. Dies Werk ist Händels bekannter »Messias«, dessen Text aus lauter wörtlichen Bibelstellen zusammengesetzt, eine komplette Messiade enthält.

In der Rezension hatte ich das Werk in Stationen geteilt:
1) die Verkündigung des Messias durch die Propheten;
2) die Geburt, 3) das Leben, 4) das Leiden und der Tod, 5) Auferstehung und Himmelfahrt, und dabei bemerkt, daß es zyklisch von oben abgeleitet und nach oben zurückgeführt sei und sich hiedurch von frühem Kunstwerken dieser Art absondere, besonders aber noch dadurch: daß das Ganze im Ton und Haltung sich immer auf den Totalbegriff der Erlösung und Befreiung aufwinde, Leiden und Tod aber ganz temporär und vorübergehend sei.

Dies alles (»meint der Patriarch«) soll nun Vision sein und ich sollte den Komponisten, mich und das Publikum belogen haben.

Nun finde ich gestern bei Boisseree ein Bild von Hemling, als wenn’s nach meiner Rezension gemalt wäre, und habe mich nicht satt daran sehen können.

Die 3 Berge der Sternseher sind ein unendlich großer Gedanke und das ganze Bild durch und durch einmal wieder ein Anlaß, unsern deutschen Vätern das niederträchtige Knie zu beugen und Franzosen und Italiener dem zu überlassen, der sie gemacht hat. Leider habe ich nun auch noch wenig gesehen, weil ich gar viel Zeit brauche zu solchen Dingen.

Den 25. August gehe ich, über Karlsruh (wo ich auch ein paar Tage zu bleiben gedenke), wiewohl Weinbrenner nicht anwesend ist, nach Baden und wünsche besseres Wetter zu finden als hier.

Paulus’ Tochter hat sich sehr solid aufgebaut und spielt den Sebastian Bach nicht ohne Vorteil, wiewohl sie noch (freilich wie wir alle) äußerlich auf diesem Globus umherwandelt und graset.

Gestern mittag sind Madame Bohn und Mademoiselle Wesselhöft aus Jena von hier nach Stuttgart abgegangen. Wir haben sowohl hier als in Darmstadt in Einem Hause Freude und Leid miteinander geteilt, und nun schwärme ich zwischen Gewässer, Berg und Tal und Weinfässern allein umher. An dem alten Schlosse gibt es allerlei zu raten, und es ist schade, daß es einer solchen Verwüstung entgegensieht, woran zugleich das Material schuld ist, denn der rote Sandstein, welcher sehr schön aussieht, gegen Schnee und Regen nicht Stich hält, ja sich ordentlich auswäscht, besonders wo er durch stumpfe Meißel verprellt,4st. Man wandelt sehr vergnüglich auf der schönen Höhe, und die Fassade nach der Stadt ist in der Tat sehr schön, reich, keck und zierlich.

Laß doch ja von Dir hören, damit wir im Zusammenhänge bleiben. Man trauert hier über Dein Ausbleiben und begreift nicht, wie Du in dem Schwefelneste dauern kannst. In Baden erst werde ich sagen können, wie weit meine Kasse reicht, weil ich gern bis Zürich gehen möchte. Auf Dein zweites Rhein- und Mainheft freue ich mich. Wenn Du doch bei Gelegenheit des Rochusfestes etwas von der Predigt im Freien wo nicht wiederholen, doch auslegen möchtest! ich glaube, Du würdest es zu stellen wissen und dem guten Prediger zu der Ehre verhelfen, etwas Gescheutes gemeint zu haben. Sonst wüßte ich nichts in Erinnerung zu bringen, da alles in sich selbst aneinander hing. Ich wüßte eher vielleicht das Ganze nach meiner Art aufzustellen als einzelnes auszuheben. Es war nichts Gemachtes, Berufenes; alles floß natürlich, ungefordert, notwendig zusammen und wieder auseinander wie eine schöne Vision, und ich glaube, so hast auch Du es empfunden; denn Du warst gerührt mit Freuden, wie Du des schönen Tages noch gern gedenkst.

Dein

Z.

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