2016-06-29

Briefwechsel J.W.v.Goethe und C.F.Zelter: An Goethe 20.08.1816 (258)



257. An Goethe 20.08.1816

Heidelberg, 20. August 1816. 

Deinen lieben Brief aus Tennstedt vom 9. dieses fand ich gestern bei Boisseree. Ich schreibe Dir so bald, damit Du weißt, wo ich bin, und wir im Zusammenhange bleiben. Noch habe ich nichts gesehen und kann auch über das Verlangte in diesem Augenblick keine Auskunft geben, weil ich die Sache lange noch nicht gründlich genug durchdacht habe, so gewiß sie ist; doch werde ich schon darauf kommen und es Dir alsdann mitteilen. Gestern abend bin ich bei Voß gewesen, wo Madame Paulus Dein Gedichtchen über die neupoetischen Katholiken zu allgemeiner Freude zum besten gab.

Um 10 Uhr geh’ ich zu Boisseree, um die Herrlichkeit dieser Zeiten anzuschauen. Wenn ich nur nicht so gar viel Zeit zu solchen Dingen brauchte! Gott weiß, wie’s andere machen, die das gleich weghaben, indem ich mich alle Augenblicke auf mich selbst besinnen muß.

In Darmstadt bin ich sechs Tage gewesen und habe viel Freude und Liebe genossen. Man hatte Dich schmerzlich erwartet, und der gute Großherzog kennt keine größere Freude, als andere teilnehmen zu lassen an das, was er mit wahrhafter Neigung und Liebe pflanzt und baut. Schleiermacher ist ein verständiger, fleißiger, ordentlicher und dienstfertiger Mann, wie ich lange keinen gesehn habe.

Auch habe ich noch einmal von Darmstadt aus einen Abstecher nach Frankfurt gemacht, um die Catalani singen zu hören. Was ich darüber öffentlich zu bemerken bin veranlaßt worden, lege ich bei, damit Du auch etwas davon abkriegst. Auch habe ich etwas davon genossen, wie sich die Frankfurter in solchen Fällen zu äußern pflegen, was mir einen ganz vollständigen Spaß gewährt hat. Die Kritik bezog sich ganz besonders auf ihr Alter zwischen 32, 38, 42 Jahren, über ihre Prätension auf Frankfurts Dukaten, und ob sie denn wirklich die größte aller Sängerinnen sei, die leben und gelebt, weil, da man doch jünger sein könne, man auch wohl noch höher und tiefer singen könne, und so weiter.

In Darmstadt habe ich Grüner kennen lernen, der sich bestens empfiehlt; wir haben uns aber in diesen Tagen der Zerstreuung wenig gesehen. Einer Probe, welche der Herzog in Person mit der Oper »Romeo und Julie« von Zingarelli abgehalten hat, habe ich mit größter Teilnahme beigewohnt.

Dieser Direktor ist schwer zu befriedigen, und es mußte vieles wiederholt werden, wo jedesmal was anderes herauskam. Die Ehre, welche mir damit widerfahren ist, muß ich aufs höchste schätzen, denn der Großherzog schien (da er mich in Person zu dieser Probe seiner Proben eingeladen hatte) es darauf angelegt zu haben, meine Zufriedenheit davonzutragen, die ich ihm, sooft er darnach fragte, aus vollem Herzen gewähren durfte. Daß es einen Unterschied gibt zwischen einen herzoglichen Kapellmeister und einen Kapellmeisterherzog, kann er nicht wissen, weil er’s nicht erfahren kann. Die Exekution selbst am Sonntage war das Genaueste, was man hören kann, und besonders Grüner hat auf das Mädchen, welche die Rolle des Romeo singt, vorteilhaft gewirkt.

Sei so gut und schreib mir nach Baden, wohin ich den 25. dieses von hier abgehe. Ich weiß wohl, daß Du jetzt keinen Schreiber hast, doch zu einigen Zeilen wird sich die Hand ja wohl brauchen lassen. Was mir höchst leid ist, ist, daß ich den Herrn Möller nicht in Darmstadt angetroffen habe, weil ich dadurch des Anblicks beraubt bin, die Zeichnung des Cölner Doms zu schauen. Die Art, wie die Stadt nach und nach angebaut wird, ist klug, sicher und bequem, gegen Feuer, Belagrung und solchen Übeln, und sticht gewaltig ab gegen die Fenstera[r]chitektur in Frankfurt und Wiesbaden, wo man auf Unkosten der Bequemlichkeit und Sicherheit teuer baut, um auch hier die Reichen in Galla zu bewundern.

Lebe wohl! grüß’ Meyer und schreib bald ein’ge Worte, damit ich wieder zu antworten habe. Ewig Dein                Z.

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